Das leise Leiden: Wie Lärm das Gehör dauerhaft beeinträchtigt
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Das leise Leiden: Wie Lärm das Gehör dauerhaft beeinträchtigt

Von der Baustelle bis zum Orchestergraben – viele von uns sind oft einer enormen Geräuschkulisse ausgesetzt. Über lange Zeit kann diese unser Gehör unwiderruflich schädigen. Doch es gibt einige Möglichkeiten, damit es gar nicht so weit kommt.

Ob beruflich oder privat: akustische Belastungen können in fast jedem Lebensbereich auftreten. Doch warum ist Lärm ein Problem für unsere Ohren?   

Die Antwort darauf liegt im Innenohr. Dort sitzt die Hörschnecke, die aus mehreren mit Flüssigkeit gefüllten Kammern besteht. In dieser befinden sich auch die sogenannten Haarzellen mit ihren winzigen, sehr sensiblen Härchen auf der Oberfläche. Diese funktionieren wie viele kleine Antennen. Sie nehmen die Schwingungen in der Hörschnecke wahr, wandeln diese in elektrische Impulse um und schicken sie zum Gehirn, das diese Signale als Töne interpretiert.  

„Bei Lärm entstehen in der Hörschnecke enorme Druckunterschiede“, erklärt HNO-Facharzt Dr. Philipp Wimmer von der Praxis HNO17 im Gesundheitspark Göttlicher Heiland: „Wenn das über einen längeren Zeitraum passiert, können diese einen Schaden verursachen.“   

Besonders das Hörvermögen bei hohen Tonfrequenzen kann darunter leiden. Profi-Musiker*innen, aber auch Bauarbeiter*innen, die täglich mit lautem Gerät arbeiten, sind davon betroffen.

Was weg ist, ist weg

„Das große Problem ist, dass die Hörschäden dauerhaft sind und nicht mehr weggehen“, betont Wimmer. Sie können sowohl durch Dauerlärm als auch einen kurzen lauten Knall mit hohem Schalldruck entstehen. Letzteres kommt erfahrungsgemäß zu Silvester vermehrt vor.

„Der 2. Januar ist für uns HNO-Ärztinnen und -Ärzte immer ein spannender Tag. Dann kommen viele Menschen mit Knalltraumata zu uns“, erzählt Dr. Wimmer. Beim Hörtest fällt dann bei vielen Betroffenen eine Dämpfung im Hochtonbereich auf.

„Ehrlicherweise muss man leider sagen, dass es dafür keine gezielte Therapie gibt. HNO-Ärztinnen und -Ärzte versuchen, das Knalltrauma mit Kortison zu behandeln. Manchmal hilft das, manchmal nicht“, sagt Wimmer.

Lärm wirkt manchmal anders

Wie unsere Ohren auf laute Geräusche reagieren, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Nach Infektionen im oberen Atemwegsbereich können wir noch empfindlicher reagieren. Das liegt daran, dass die Belüftung des Mittelohrs über den Nasenrachen und die Ohrtrompete nicht optimal funktioniert.

Bei Kindern kann das häufig zu einem Paukenerguss führen, bei Erwachsenen dazu, dass Geräusche teilweise verstärkt, gedämpft oder leiser werden bzw. sich anders „anfühlen“. Ebenso können Muskelverspannungen und der damit häufig verbundene Stress diese unangenehmen Toneffekte auslösen.

Foto: Mark Paton - Unsplash

Die Ohren schützen

Um die Ohren vor Lärm zu schützen, gibt es je nach Einsatzgebiet viele Möglichkeiten – etwa die klassischen Ohrstöpsel, die es in unterschiedlichen Ausführungen und Stärken gibt.

„Wenn ich häufig lauten Umgebungen ausgesetzt bin, kann ein maßgeschneiderter Gehörschutz sinnvoll sein“, erklärt Hörakustiker Werner Knie vom Hörcafé 1170 Wien im Gesundheitspark Göttlicher Heiland. Anhand eines 3D-Scans des Gehörgangs wird ein Ohrstöpsel angefertigt. Dieser kann – je nach verwendetem Material und Filter – den Schall komplett abschirmen oder nur bestimmte Frequenzbereiche dämpfen. Speziell für Musiker*innen gibt es auch Lösungen, bei denen in den angepassten Gehörschutz ein In-Ear-Kopfhörer integriert ist, um die Musik in annehmbarer Lautstärke mitverfolgen zu können.

Der Gehörschutz wird innerhalb weniger Werktage angefertigt. Die Kosten liegen in der Regel bei etwa 150 €.

„Man sollte aber bedenken, dass Ohren und Nase mit dem Alter weiter wachsen. Es kann passieren, dass der angepasste Gehörschutz nicht mehr richtig sitzt und die Gefahr eines Hörschadens steigt“, erklärt Knie und rät, den angepassten Gehörschutz jährlich auf Dichtheit überprüfen zu lassen. Gleiches gilt für Menschen, die viel Gewicht verlieren, denn auch dabei kann sich das Ohr verändern.

Bevor ein Abdruck beim Hörgeräteakustiker genommen wird, ist es ratsam, eine HNO-Praxis aufzusuchen. Dort wird der Gehörgang vom Ohrenschmalz gereinigt, da sonst keine exakte Abformung möglich ist.

Geräusche ausblenden

Immer beliebter werden auch Noise-Cancelling-Kopfhörer. Sie nehmen die Umgebungsgeräusche über Mikrofone auf und erzeugen dann „Anti-Schallwellen“, die diese Geräusche ausblenden. „Das Problem mit Noise-Cancelling-Kopfhörern ist, dass man manchmal dazu neigt, sie lauter zu stellen, und dieser Lärm dann das größere Problem ist als die Umgebungsgeräusche“, sagt Dr. Wimmer. Außerdem ist es bei manchen Produkten notwendig, den Schalldruck von außen durch einen gleich starken Schalldruck im Inneren zu korrigieren. In diesem Fall sind klassische ohrumschließende Kopfhörer die bessere Wahl, da sie durch ihre Konstruktion bereits einen Großteil des Umgebungslärms abschirmen.

93 Dezibel Grenzwert

Ist zu erwarten, dass der Grenzwert von 93 Dezibel bei einem Konzert oder in einer Diskothek überschritten wird, sollten für die Besucher*innen kostenlose Gehörschutzmittel (meist Ohrenstöpsel) aufliegen. Nähere Informationen dazu findest du in dieser Information des Österreichischen Arbeitsrings für Lärmbekämpfung (PDF)

Regelmäßig das Gehör testen lassen

Das Gehör sollte regelmäßig – am besten jährlich – in einer HNO-Praxis oder einem Hörakustik-Fachgeschäft überprüft werden.  Dadurch können etwaige Veränderungen früher erkannt werden. Dies erleichtert unter anderem die Hörgeräteanpassung.


Autor
Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
23.04.2024
Themen
Foto: Mark Paton - Unsplash

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