Die unsichtbare Last der Depression
Schlafstörungen, Erschöpfung, Grübeln: Eine Depression kündigt sich selten mit einem klaren Zusammenbruch an. Wann aus einer Phase eine Erkrankung wird, wie die Diagnose gestellt wird und weshalb moderne Antidepressiva nicht abhängig machen.
„Um vier Uhr morgens wach liegen, nicht mehr einschlafen können und gedanklich immer wieder dieselben Sorgen durchgehen – das beschreiben viele Patient*innen mit Depressionen“, berichtet Dr.in scient. med. Sabine Lorenz-Demelbauer, Psychotherapeutin, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin.
Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Rund jede fünfte erwachsene Person ist im Laufe ihres Lebens einmal davon betroffen.1
Wenn der Alltag schwer wird
Der Beginn ist meist schleichend. Häufig verändert sich zuerst der Schlaf. Manche liegen stundenlang wach und grübeln, andere wachen viel zu früh auf oder schlafen deutlich mehr als sonst und bleiben trotzdem erschöpft.
Mit der Zeit verändert sich auch das Denken. Sorgen kreisen, Probleme wirken plötzlich unlösbar. „Das Problem wird immer größer, je länger man darüber nachdenkt, und endet gedanklich oft in einer Katastrophe“, beschreibt die Psychotherapeutin.
Nach außen scheint der Alltag oft noch zu funktionieren. Irgendwann werden selbst einfache Dinge mühsam – Einkaufen, Nachrichten beantworten oder morgens aufzustehen.
Der Körper leidet mit
Eine Depression zeigt sich nicht bei allen Menschen gleich. Viele Erkrankte würden anfangs nicht einmal sagen: „Ich bin depressiv.“
„Die Depression ist eine komplexe Erkrankung, die sich auch auf körperlicher Ebene äußern kann“, weiß Dr. Leo Silberbauer, PhD, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. Manche suchen deshalb zuerst wegen körperlicher Beschwerden wie beispielsweise Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen medizinische Hilfe. Andere wegen innerer Unruhe, Erschöpfung oder anhaltender Müdigkeit.
Dr.in Lorenz-Demelbauer beobachtet zudem Unterschiede darin, wie Beschwerden beschrieben werden. Frauen schildern häufiger emotionale Überforderung und Grübeln, Männer eher Schlafprobleme, Erschöpfung oder Leistungsabfall.
Bild: iStock/bymuratdeniz
Wenn die mentale Last zu groß wird, kann sich der Schmerz auch als ständiges Dröhnen im Kopf äußern.
Wann aus einer Phase eine Depression wird
Schlechte Tage, Trauer und schwierige Lebensphasen gehören zum Leben dazu. Entscheidend ist, wie lange die Beschwerden anhalten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen. Denn Depression bedeutet nicht, einfach „schlecht drauf“ zu sein.
Zu den Hauptsymptomen einer Depression zählen:
Gedrückte Stimmung
Antriebslosigkeit
Verlust von Freude/Interesse
Zu den Zusatzsymptomen gehören:
Körper & Alltag: Schlaf- und Appetitstörungen, psychomotorische Unruhe (Agitiertheit) oder das Gefühl, wie gelähmt zu sein (Hemmung). Auch soziale Isolation und die Überforderung bei kleinsten Entscheidungen sind typisch.
Psyche: Konzentrationsstörungen, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und eine tiefe innere Leere.
Schwere Verläufe: Ausgeprägte Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken oder -handlungen sowie psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen.
Wichtig: Da diese Anzeichen auch andere psychische Erkrankungen begleiten können, ist eine differentialdiagnostische Abklärung durch eine Expertin oder einen Experten unverzichtbar.
„Von einer Depression spricht man, wenn mehrere depressive Symptome, darunter mindestens zwei dieser Hauptsymptome, über einen Zeitraum von zwei Wochen an den meisten Tagen bestehen.“
Dr. Leo Silberbauer, PhD
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin
Foto: Privat
Je nach Anzahl und Ausprägung der Symptome unterscheiden Fachleute zwischen leichten, mittelgradigen und schweren Depressionen – danach richtet sich auch die Behandlung.2
Bei leichtgradigen depressiven Episoden kann laut Leitlinie zunächst eine Psychotherapie ohne Medikamente erfolgen. Bei mittleren bis schweren Verläufen wird hingegen eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva empfohlen. „Studien zeigen, dass die Kombination beider Therapien wirksamer ist als jede Behandlung allein“, so der Facharzt.
Mögliche Auslöser und Risikofaktoren
Die Depression ist eine multifaktorielle Erkrankung. Das bedeutet, dass sowohl biologische Faktoren wie Genetik oder hormonelle Umstellungen als auch psychosoziale Einflüsse – etwa chronischer Stress, Verluste oder schwere Erkrankungen im Umfeld – bei der Entstehung zusammenwirken.
Auch frühere Traumatisierungen spielen eine wichtige Rolle: „Sie machen Menschen anfälliger“, ordnet Dr.in Lorenz-Demelbauer ein. Herausforderungen, die andere noch bewältigen können, werden dann schneller zu viel.
Ein Thema, das leicht übersehen wird, ist Alkohol. Manche versuchen, Schlafprobleme oder innere Unruhe damit zu dämpfen. Die Therapeutin nennt das „Selbstmedikation über Alkohol“. Kurzfristig könne Alkohol Gefühle betäuben, langfristig verstärkt er depressive Symptome jedoch.
Besser früher als später
Viele Betroffene suchen erst spät Unterstützung. Scham, die Hoffnung auf eine spontane Besserung oder die Angst vor einer Diagnose halten sie häufig davon ab. Psychisch krank zu sein, ist für viele schwer auszusprechen.
„Je länger eine Depression unbehandelt bleibt, desto höher ist das Risiko eines chronischen Verlaufs“, warnt Dr. Silberbauer. Er rät deshalb dazu, früh professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – zunächst etwa bei Hausärzt*innen. Dort können körperliche Ursachen abgeklärt und Patient*innen bei Bedarf weiterverwiesen werden.
Körperliche Auffälligkeiten müssen zuerst abgeklärt werden, denn manche Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen. Eine Schilddrüsenunterfunktion könne beispielsweise depressive Symtpome verursachen, so der Psychiater.
Der Weg zur Diagnose
„Die Diagnose wird primär im ärztlichen Gespräch gestellt“, erzählt der Facharzt. Beim Erstgespräch bei Fachärzt*innen für Psychiatrie werden Symptome, Belastungsfaktoren sowie mögliche Vor- oder Begleiterkrankungen besprochen. Zudem wird sichergestellt, dass bereits erfolgte oder noch ausstehende körperliche Untersuchungen organische Ursachen ausschließen.
Klinische Psycholog*innen führen bei Bedarf eine klinisch-psychologische Diagnostik durch. Dabei werden durch Gespräche, standardisierte psychologische Fragebögen und Verhaltensbeobachtungen Informationen gesammelt und aufbereitet, um Krankheitsmerkmale und die Schwere der Depression genauer einzuschätzen.
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„Diese umfangreichen Testungen kommen meist nur bei unklaren Beschwerden oder dem Verdacht auf Begleiterkrankungen zum Einsatz“, so die Klinische Psychologin.
Das depressive Gehirn verstehen
Viele Menschen fragen sich, was bei einer Depression eigentlich im Gehirn passiert. Lange galt die Vermutung, Depressionen entstehen vor allem durch einen Mangel des Botenstoffs Serotonin. Diese Hypothese gilt jedoch heute als zu vereinfachend.
„Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ein bloßer Serotoninmangel die Depression verursacht. Sie ist vielmehr eine Erkrankung von Gehirnnetzwerken. Moderne Gehirnscans zeigen uns heute Veränderungen in diesen Netzwerken und auch auf der Ebene der Botenstoffe“, erklärt der Psychiater genauer.
Neben Serotonin spielen auch Noradrenalin und Dopamin eine Rolle – also jene Systeme, die Stimmung, Motivation und Antrieb beeinflussen.
Warum Antidepressiva Zeit brauchen
Moderne Antidepressiva setzen an diesen Botenstoffsystemen an. Die sogenannten SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) gelten heute als Mittel der ersten Wahl und sind gut verträglich. Bis eine Wirkung einsetzt, braucht es allerdings Zeit. „Klassische Antidepressiva brauchen meist mindestens zwei Wochen, bis ein positiver Effekt spürbar wird“, erklärt Dr. Silberbauer. Sie wirken nicht wie Schmerzmittel nach einer Tablette, sondern stoßen langfristige Anpassungsprozesse im Gehirn an.
Zeigen zwei herkömmliche Antidepressiva keine ausreichende Besserung, spricht man von einer therapieresistenten Depression. „In solchen Fällen stehen uns weitere biologische Optionen zur Verfügung“, erklärt der Psychiater. „Beispielsweise ist das schnell wirksame Esketamin für diese Indikation zugelassen. Zudem können Gehirnstimulationsverfahren zum Einsatz kommen.“
Die unnötige Angst vor Antidepressiva
Viele Patient*innen reagieren zunächst verunsichert, wenn Medikamente zur Sprache kommen. Die Sorge vor Abhängigkeit, Nebenwirkungen oder Persönlichkeitsveränderungen hält manche sogar komplett davon ab.
„Moderne Antidepressiva sind grundsätzlich gut verträglich, in der Anwendung sicher und machen auch nicht abhängig“, beruhigt der Facharzt. Das Ziel der Behandlung sei es, die Symptome zu lindern und Lebensqualität zurückzugeben. Da wirksame Medikamente immer auch Nebenwirkungen haben können, müssen Dauer, Nutzen und Risiken stets individuell abgewogen werden.
Nach dem Abklingen einer ersten depressiven Episode wird empfohlen, das Medikament zur Rückfallprophylaxe noch mindestens sechs Monate weiterzunehmen – bei wiederkehrenden Depressionen oder erhöhtem Risiko auch deutlich länger. Das Absetzen sollte jedoch niemals im Alleingang erfolgen. Da sich der Körper an die Einnahme gewöhnt, wird die Dosis in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt schrittweise reduziert, um unangenehme Absetzsymptome zu vermeiden.
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Die empfohlene Dauer mit Antidepressiva richtet sich immer nach dem bisherigen Krankheitsverlauf und den persönlichen Risikofaktoren.
Therapie, Struktur und soziale Kontakte
Psychotherapie bleibt ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Sie hilft dabei, belastende Gedankenmuster besser zu verstehen und neue Strategien im Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln. Ein wichtiges Ziel ist es, die eigenen Ressourcen wieder bewusster wahrzunehmen.
Ein wesentlicher Schritt zur Besserung sind verlässliche Strukturen im Alltag. „In der Depressionsbehandlung ist sanfte körperliche Aktivierung ein fixer Bestandteil des Behandlungsplans“, so Dr.in Lorenz-Demelbauer. Dazu gehören grundlegende Gewohnheiten wie das Aufstehen zur gleichen Uhrzeit, drei regelmäßige Mahlzeiten oder fest eingeplante Bewegung im Alltag. Schon ein kleiner, täglicher Spaziergang hilft dabei, Schritt für Schritt wieder Halt und Routine aufzubauen, ohne sich zu überfordern.
Ebenso wichtig sind soziale Kontakte. Denn eine Depression führt bei vielen Menschen zu sozialem Rückzug – und genau das kann die Situation zusätzlich verstärken. Familie und soziale Einbindung gelten als wichtige Schutzfaktoren, die helfen, den Kontakt zur Außenwelt nicht zu verlieren. „Eine große Party überfordert Betroffene jedoch schnell – besser sind dosierte Treffen mit Menschen, die guttun.“
Hilfreiche Unterstützung im Alltag
Auch Angehörige sind oft stark belastet. Viele erleben, wie sich ein vertrauter Mensch zurückzieht, gereizter wird oder selbst einfache Dinge plötzlich nicht mehr schafft. Der Wunsch, zu helfen, ist groß – doch gut gemeinte Sätze wie „Reiß dich zusammen!“ oder ständiges Motivieren setzen Betroffene zusätzlich unter Druck. „Depression hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung“, betont Dr.in Lorenz-Demelbauer.
Angehörige könnten unterstützen, indem sie zuhören, Verständnis zeigen und Betroffene dabei begleiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wichtig sei außerdem, die eigenen Grenzen nicht zu übersehen.
Eine Krise, aber behandelbar
Depressionen können jeden Menschen treffen – unabhängig von Alter, Beruf oder Lebenssituation. Sie verändern nicht nur die Stimmung, sondern auch den gesamten Alltag: Schlaf, Beziehungen, Selbstbild und einfache Entscheidungen. Doch die Erkrankung ist behandelbar. Häufig beginnt Entlastung mit einem ersten Schritt: auszusprechen, dass es gerade nicht mehr allein geht.
6 Tipps bei Verdacht auf Depression
Eine Depression kündigt sich oft schleichend durch Schlafstörungen und frühmorgendliches Grübeln an.
Psychischer Schmerz äußert sich häufig auch körperlich, etwa durch ständige Kopf- oder Magenschmerzen.
Halten gedrückte Stimmung, Verlust von Freude/Interesse und Antriebslosigkeit länger als zwei Wochen an, ist ein Check ratsam.
Vor jeder psychischen Diagnose müssen körperliche Ursachen wie bspw. eine Schilddrüsenunterfunktion ausgeschlossen werden.
Für eine genaue Abklärung arbeiten Hausärzt*innen, Fachärzt*innen für Psychiatrie, Psychotherapeut*innen und Klinische Psycholog*innen eng zusammen.
Je früher Betroffene professionelle Hilfe annehmen, desto besser lässt sich ein chronischer Verlauf verhindern.
Quellen
Wer hilft?
Hausärzt*innen schließen körperliche Ursachen aus, leiten erste Therapien ein oder überweisen an Fachleute.
Psychiater*innen stellen Diagnosen aus medizinischer Sicht und koordinieren bei Bedarf weitere therapeutische Maßnahmen. Zudem können sie Medikamente verschreiben und psychotherapeutische Behandlungen anbieten.
Psychotherapeut*innen begleiten therapeutisch und helfen, Gedanken, Gefühle und Verhalten zu bearbeiten.
Klinische Psycholog*innen führen bei Bedarf im Rahmen der Diagnostik standardisierte Testungen durch.
Welche Therapie passt zu mir?
Österreich erkennt derzeit 23 Psychotherapie-Methoden an, unterteilt in vier Richtungen:
Humanistische Therapie
Psychoanalytisch-Psychodynamische Therapie
Systemische Therapie
Verhaltenstherapie
Die große Auswahl verunsichert oft. Studien zeigen jedoch: Für den Therapieerfolg ist die vertrauensvolle Beziehung wichtiger als die Methode.3
Hilfe & Anlaufstellen
Psychotherapie.at
Gesundheitspark Expertensuche
HPE Österreich – Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter
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