Spenderherz und Blutkonserve haben keine Zeit für Stau
Vor einigen Jahren hat ein großer Onlinehändler angekündigt, in Zukunft Paketlieferung per Drohne anzubieten. Was damals noch als „PR-Stunt“ galt und für so manch spöttischen Kommentar sorgte, wird zusehends Realität. Vor allem der Gesundheitsbereich entdeckt nun Drohnen für sich. Der Transport von medizinisch wichtigen Gütern verlagert sich vom Boden in die Luft.
Bereits heute haben vier von fünf behördlich genehmigten Drohnenflügen einen medizinischen Hintergrund. Doch in naher Zukunft sollen diese Flüge ganz alltäglich werden. Um die vielen Einsatzmöglichkeiten von Drohnen zu testen, werden in Österreich gerade fünf Testgebiete etabliert. Zu diesem Zweck haben sich mehrere Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Interessensvertretungen unter dem Namen AIRlabs zusammengeschlossen. (siehe Infobox)
Eine Idee hebt ab
Erste Flugversuche mit Drohnen sind bereits sehr vielversprechend verlaufen. Im vergangenen Jahr wurde in Lilienfeld der Transport einer Blutkonserve mittels einer unbemannten Paketdrohne simuliert – ein Projekt, welches der Innviertler Konzern FACC gemeinsam mit Partner*innen aus der Forschung umsetzte. „Der Transport von Blutkonserven ist ein sehr realer Anwendungsfall für Drohnen“, erklärt Christian Mundigler, Vizepräsident der FACC Aftermarket Services. „Denn im Durchschnitt wird alle 90 Sekunden in Österreich eine Blutkonserve benötigt.“ Beim Testflug in Linienfeld war noch Johannisbeersaft an Bord. Bald soll es echtes Blut sein, das Menschenleben rettet.
Gesundheitspark-Partner testet Drohne
Neben Blutkonserven können Paketdrohnen auch Medikamente an den gewünschten Ort bringen. Etwa, um Patient*innen in schwer erreichbaren Gegenden zu versorgen. Oder – wie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried, das mit FACC eine Kooperation eingegangen ist – um spezifische Güter vorerst innerhalb des Krankenhausgeländes zu transportieren.
Für Mag. Johann Minihuber, Geschäftsführer des Krankenhauses sowie des Gesundheitsparks Barmherzige Schwestern Ried, ist dieses Projekt ein wichtiger Schritt in die Zukunft. „Um auch zukünftig die bestmögliche Versorgung im Gesundheitswesen aufrechterhalten zu können, braucht es Innovationen bei den Unterstützungsprozessen“, betont Mag. Minihuber. „Gemeinsam mit dem innovativen Kooperationspartner FACC arbeiten wir mit diesem Drohnensystem an einer Prozessoptimierung in der Logistik.“
Ein Herzensprojekt
Ein weiteres Projekt, das Christian Mundigler ein besonderes Anliegen ist, ist der vorgeschlagene Transport von Spenderherzen. Bei diesem ist Schnelligkeit gefragt – von der Entnahme des Herzens bis zum Einpflanzen und der Reanimierung dürfen nur maximal sieben Stunden vergehen. Damit das Spenderherz rechtzeitig ankommt, wird es mit dem Flugzeug transportiert. Das Organ bekommt einen Ehrenplatz im Cockpit und darf auch vor allen anderen Passagieren das Flugzeug nach der Landung verlassen.
Nadelöhr war bislang der Transport zwischen Flughafen und Krankenhaus. Derzeit wird in Wien daran gearbeitet, Spenderherzen zukünftig per Drohne schnell und sicher an ihr Ziel zu bringen.
„In Wien dauert der Transport vom Flughafen bis zum Krankenhaus mit dem Taxi 45 Minuten, mit dem Blaulichttransport 19 Minuten und mit der Drohne wäre das in nur 10 Minuten möglich“, unterstreicht Mundigler. Doch wird nicht immer nur das Organ geliefert. „Jedes Herz ist anders. Oft fliegen die Chirurgin bzw. der Chirurg mit, nachdem sie das Herz entnommen haben, um die Ärzt*innen dann vor Ort im Krankenhaus anleiten zu können.“ Zu diesem Zweck ist in diesem Fall eine bemannte Drohne, ein Flugtaxi, im Einsatz. Bei Modellen des FACC Kunden EHang, einem chinesischen Luftfahrtunternehmen, ist dafür nicht einmal ein*e Pilot*in im Cockpit nötig: Passagier*in und das gekühlte Spenderherz fliegen vollautomatisch ans gewünschte Ziel.
Foto: FACC
Eine bemannte Drohne der Firma Ehang.
Dreifach abgesichert
Zur Navigation nutzt die Drohne – egal ob bemannt oder unbemannt – Signale von Navigationssatelliten (GPS). Wie generell beim Fliegen steht auch bei Drohnenflügen die Sicherheit an erster Stelle. So verfügt z.B. das EHANG216 Lufttaxi über drei unabhängige Flugsteuerungen – und jede einzelne von diesen muss mit mindestens 15 Navigationssatelliten erkennen, da ansonsten die Drohne gar nicht erst startet.
Vielzahl an Möglichkeiten
Neben Blutkonserven, Medikamenten und Organspenden können auch Gewebsschnellschnitte – etwa während Krebs-Operationen – mit der Drohne transportiert werden. „Bei diesen Operationen müssen die Ärzt*innen wissen, ob sie ausreichend krankes Gewebe weggeschnitten haben“, erklärt Mundigler. Die Drohne bringt die Probe in die Pathologie, wo dann das Gewebe untersucht wird. Wenig später erhält das OP-Team dann den Befund. Dass auch das keine Zukunftsmusik mehr ist, zeigt ein Blick nach Belgien. Dort wurde erstmals in Europa menschliches Gewebe mit der Drohne von einem Krankenhaus in ein anderes transportiert.
Daneben können Drohnen auch beim Suchen und Bergen von vermissten Personen hilfreich sein. Unfallopfer oder Menschen, die beispielsweise bei einer Wanderung einen Kreislaufkollaps erleiden, werden dank integrierter Wärmebildkamera aufgespürt – ein wichtiges Einsatzgebiet in einem gebirgigen Land wie Österreich.
Kurz vor dem Start
Aufgrund der strengen Sicherheitsbestimmungen und den Vorteilen, die Drohnenflüge bieten, ist die Akzeptanz in der Bevölkerung sehr hoch. Da Drohnen und Lufttaxis meist elektrisch betrieben werden, emittieren sie keine Abgase und wenig Lärm. Mundigler ergänzt, dass sich auch die Akkutechnologie stetig weiterentwickelt. Ein Unternehmen setzt dabei z.B. auf Schwefel als Kathodenmaterial, einem natürlichen, häufig vorkommenden und damit günstigen Rohstoff. Ein anderes Unternehmen wiederum verwendet z.B. dünne und sehr leichte Keramik-Scheiben als trockenes und nicht brennbares Elektrolytmaterial. Da die Akkus auch immer mehr Energie speichern können, schaffen Drohnen im Gegenzug auch eine noch größere Reichweite.
Bis die Fluggeräte endgültig zum Alltag gehören, soll es auch nicht mehr allzu lange dauern. Unbemannte Drohnen können bereits jetzt starten (siehe Infobox 2). „Bemannt wäre – meine optimistische Schätzung – der kommerzielle Einsatz frühestens ab Ende 2025 möglich“, betont Mundigler.
Paketdrohnen
Foto: FACC
Paketdrohnen wie jene, die zum Transport von Blutkonserven verwendet werden können, haben eine Reichweite von ca. 20 - 40 km und erreichen dabei eine Geschwindigkeit von über 80 km/h. Um derartige Drohnen steuern zu dürfen, sind ein Drohnen-Führerschein sowie eine spezielle Flugsicherheitsprüfung nötig. Wie bei den meisten Flügen, müssen auch Drohnenflüge bei der Austro Control, der Luftfahrtagentur, die den zivilen Flugverkehr in Österreich überwacht, angemeldet werden. Da Paketdrohnen eher in Bodennähe fliegen, können sie abhängig von den jeweiligen Betriebsgrenzen bei fast jedem Wetter fliegen.
Über AIRlabs
Die FACC ist 18 % Teilhaber und Gründungsmitglied von AIRlabs. Dieser Zusammenschluss von 27 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und politischen Institutionen hat die Aufgabe, die Drohnenforschung voranzutreiben. Ziel ist es, fünf Testgebiete in Österreich zu etablieren, in denen die Einsatzmöglichkeiten von bemannten und unbemannten Drohnen getestet werden können. Eines der fünf Testgebiete, die Steinalpl, wurde bereits für diese Testzwecke freigegeben. Als weiteres Testgebiet wurde unter anderem auch die sogenannte „FACC-Werkswiese“ beim FACC Werk 4 in Reichersberg beantragt.
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