Gesund alt werden beginnt im Alltag
Wer heute nach Orientierung für ein langes, gesundes Leben sucht, stößt auf ein Überangebot an Diäten, Fitnessprogramme, Mikronährstoffe und Anti-Aging-Trends. Longevity – auf Deutsch Langlebigkeit – ist zum Lifestyle-Thema geworden. Doch was davon ist tatsächlich wissenschaftlich belegt? Drei Expertinnen* und Experten* aus Medizin, Sportwissenschaft und Psychologie ordnen ein, welche Faktoren unser Altern nachweislich beeinflussen, was wir selbst täglich beitragen können, und welche Fragen wir uns auf diesem Weg stellen sollten.
Longevity ist heute überall – in Podcasts, Büchern oder Social Media. Ein Begriff, der heute für alles steht, was Jugend, Leistungsfähigkeit und gesundes Altern verspricht. Doch Langlebigkeit bedeutet weit mehr, als einfach alt zu werden. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie viele Jahre unseres Lebens verbringen wir gesund?
Zwischen Blue Zones, mediterraner Ernährung und immer neuen Fastenmethoden kursieren unzählige Studien. Nicht alle sind eindeutig, manche widersprechen einander. Zurück bleibt in diesem Dickicht an Informationen vor allem eines: Verunsicherung.
Gerade deshalb lohnt sich ein Schritt zurück: Was wissen wir wirklich? Welche Faktoren haben in Studien Bestand? Und was davon lässt sich alltagstauglich umsetzen, ohne Lifestyle-Extremen hinterherzulaufen?
Unsere Gene sind nicht unser Schicksal
Wenn wir über ein langes, gesundes Leben sprechen, denken viele zuerst an ihre Gene. Doch mittlerweile gilt als gut belegt: Der Lebensstil spielt eine deutlich größere Rolle. Ernährung, Bewegung, Stress und soziale Einbindung beeinflussen Prozesse im Körper, die mit Alterung, Krankheit und Regeneration zusammenhängen.
Unsere Gene legen also nicht fest, wie wir alt werden. Sie reagieren darauf, wie wir leben. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, verändern sich Stoffwechsel, Immunsystem und psychische Belastbarkeit oft schneller, als wir es wahrnehmen.
Prävention setzt genau hier an, lange bevor Beschwerden, Diagnosen und Einschränkungen entstehen.
„Aus der medizinischen Wissenschaft gibt es drei wirklich sehr klare Faktoren: Ernährung inklusive Fasten, Bewegung mit einem klaren Fokus auf Krafttraining und die mentale Gesundheit. Wenn man diese drei Bereiche berücksichtigt, kann man vermutlich zehn bis fünfzehn zusätzliche gesunde Lebensjahre gewinnen.“
Univ.-Prof. Dr. Andreas Michalsen
Chefarzt für Innere Medizin und Naturheilkunde,
Immanuel Krankenhaus Berlin
Foto: Immanuel Krankenhaus Berlin
Food first: Echte Lebensmittel wirken stärker als jedes Supplement
Kaum ein Bereich ist so gut untersucht wie die Ernährung. Seit Jahrzehnten zeigt die Forschung ein erstaunlich einheitliches Bild: Wie wir essen, prägt unser Risiko für die großen Alterserkrankungen deutlich stärker, als viele vermuten. „Bestimmte Ernährungsformen verhindern zu einem relevanten Anteil Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Brust- und Darmkrebs sowie Demenz“, weiß Michalsen.
Gemeint ist eine pflanzenbetonte Ernährung, wie sie in mediterranen oder traditionell asiatische Kostformen vorkommt. Sie folgt einfachen Prinzipien:
möglichst wenig Fleisch
keine Wurst und wenig Fertigprodukte
dafür viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Vollkorn, Nüsse und Gewürze
„Es muss nicht strikt vegetarisch sein“, betont Michalsen. „Aber je pflanzlicher, desto besser. Entscheidend ist die Vielfalt – man spricht gern davon, den Regenbogen zu essen.“ Präventiv wirksam ist dabei vor allem die langfristige Umstellung, nicht eine kurzfristige Diät.
Als Beispiel nennt er unter anderem eine 2022 veröffentlichte Modellstudie des norwegischen Forschers Lars Thoresen Fadnes (PLOS Medicine), die auf Daten der Global Burden of Disease Study basiert. Sie zeigt:
Wenn Menschen langfristig mehr Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Vollkorn essen, und Fleisch, Zucker sowie stark Verarbeitetes reduzieren, steigt die Lebenserwartung deutlich – bei Männern im Schnitt um rund 13 Jahre, bei Frauen um etwa elf.
Was passiert im Körper?
Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe wirken entzündungsregulierend, fördern ein gesundes Mikrobiom und stabilisieren Stoffwechselprozesse, die im Alter schwächer werden.
Vor diesem Hintergrund sieht Michalsen den Boom um Nahrungsergänzungsmittel kritisch: „Das meiste von dem, was als Supplement verkauft wird, findet man auch in echten Lebensmitteln. Nur eben eingebettet in ein System, das der Körper kennt.“
Fasten: Das Reparaturprogramm der Zellen
Zur Ernährung gehört für Michalsen untrennbar ein zweiter Baustein: das Fasten. Nicht als Diät, sondern als bewusste Unterbrechung. „Irgendeine Form des Fastens ist auf jeden Fall zu empfehlen, wenn jemand an Langlebigkeit interessiert ist. Denn Fasten bremst zentrale Zellalterungsprozesse.“
In Phasen ohne Nahrungszufuhr schaltet der Körper um: weg von Wachstum, hin zu Reparatur. Dabei werden unter anderem
beschädigte Zellbestandteile abgebaut (Autophagie),
entzündliche Prozesse reduziert,
Stoffwechselvorgänge stabilisiert,
neue Zellen gebildet und Gene repariert.
Auch hier gilt: Prävention wirkt nicht punktuell, sondern durch wiederkehrende, gut integrierbare Routinen. „Ob jemand Intervallfasten macht oder mehrtägig fastet, ist zweitrangig“, sagt der Professor. „Wichtig ist, dass überhaupt gefastet wird.“
Foto: Jannis Brandt - Unsplash
Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Vollkorn wirken sich positiv auf unsere Lebensjahre aus.
Bewegung: Kraft als Schlüssel
Dass Bewegung gesund ist, wissen die meisten. Aus sportwissenschaftlicher Sicht greift dieser Fokus jedoch zu kurz. Auch Assoz. Prof. Dipl.-Ing. Dr. Barbara Wessner, Sportbiologin an der Universität Wien und Präsidentin der Österreichischen Sportwissenschaftlichen Gesellschaft, nennt – wie Michalson – drei zentrale Faktoren, die unser Altern nachweislich beeinflussen: Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit.
Was bei der Bewegung aus ihrer Sicht oft unterschätzt wird, ist die Rolle des Krafttrainings – vor allem aus präventiver Sicht. „Nicht die Jahre machen uns gebrechlich, sondern der Verlust an Muskelkraft“, weiß Wessner. Der körperliche Alterungsprozess beginne früher als viele annehmen.
„Bereits ab etwa 30 Jahren nehmen Muskelmasse und Kraft langsam ab. Später – meist ab dem höheren Lebensalter – wird der Verlust deutlich spürbar. Die Körperzusammensetzung ändert sich: weniger Muskelmasse, mehr Fettmasse. Gleichzeitig lassen Knochendichte, Kraft aber auch die Ausdauer und zum Teil auch die kognitive Leistungsfähigkeit nach“, erklärt Wessner.
Viele dieser Veränderungen entwickeln sich schleichend – und genau deshalb sind sie präventiv gut beeinflussbar. Dabei sei es wichtig, zwischen drei Dingen zu unterscheiden:
Muskelmasse beschreibt, wie viel Muskelgewebe du hast.
Muskelkraft entscheidet, ob du etwa ein Gurkenglas aufbekommst.
Muskelleistung beschreibt, wie schnell du Kraft einsetzen kannst – etwa um einen Stolperer abzufangen. Sie ist zentral für die Sturzprävention.
„Ein gutes Krafttraining zielt auf alle drei Komponenten ab und wird langsam aufgebaut“, so Wessner. Ergänzend rät sie, Gleichgewichtsübungen in den Alltag einzubauen (z. B. auf einem Bein stehen beim Zähneputzen). „Je älter man ist, desto wichtiger ist ein medizinischer Check zu Beginn, um überhaupt festzustellen: Wo stehe ich mit meiner körperlichen Leistungsfähigkeit und gibt es Gründe, körperliche Aktivität vorsichtiger anzugehen?“
Auch ein späterer Einstieg lohne sich: „Wir haben Studien mit sehr alten Menschen durchgeführt. Selbst mit 80 oder 85 Jahren lassen sich Kraft und Beweglichkeit noch verbessern. Sarkopenie, also der übermäßige Verlust von Muskelmasse, -kraft und -funktion, ist kein Schicksal.“
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Bereits ab etwa 30 Jahren nehmen Muskelmasse und Kraft langsam ab. Aber Kraft und Beweglichkeit lassen sich trainieren.
Mentale Gesundheit: Mit Veränderungen umgehen lernen
Mag. Christoph Arzt, Klinischer Psychologe im Ethikbeirat der Vinzenz Gruppe und am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Linz ergänzt den Blick auf Longevity aus psychologischer Sicht. „Wie zufrieden wir altern, hat viel mit Anpassungsfähigkeit zu tun“, erklärt er. „Wenn ich permanent einem Idealbild nachlaufe, das nicht mehr erreichbar ist, entsteht Leid.“
Gerade im Alter kommen Veränderungen hinzu, die sich nicht vermeiden lassen: körperliche Einschränkungen, Abschiede, neue Rollen. Psychisch gesund zu bleiben bedeutet nicht, diese Verluste zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. „Veränderung braucht Zeit, aber irgendwann stellt sich die Frage: Was entsteht jetzt Neues?“ Menschen, die offen bleiben, neugierig, und bereit sind, Ziele und Erwartungen anzupassen, erleben häufiger Zufriedenheit und Sinn.
„Ein erfülltes Leben braucht mehr als Dauer. Es kann ein kurzes Leben voll sein, und ein sehr langes leer.“ Soziale Beziehungen, das Gefühl gebraucht zu werden, und die Möglichkeit, etwas beizutragen, wirken dabei wie Schutzfaktoren. „Menschen wollen Teil von etwas sein – und sie brauchen Beziehungen, in denen Geben und Nehmen im Gleichgewicht sind. Wenn diese Balance dauerhaft kippt, wird es oft schwierig.“
Auch Stress müsse differenziert betrachtet werden: „Akuter Stress kann uns wachsen lassen. Chronischer Stress dagegen erschöpft – vor allem dann, wenn wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren.“
Gesund altern heißt also nicht, alles zu optimieren. Es heißt, Veränderungen zu akzeptieren, interessiert zu bleiben und das eigene Leben – auch mit Brüchen und Belastungen – als stimmige Geschichte zu begreifen.
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Soziale Beziehungen und das Gefühl gebraucht zu werden wirken wie Schutzfaktoren.
Und trotzdem ist das Leben endlich
Longevity stößt zwangsläufig an eine Grenze: die Endlichkeit.
Michalsen betont: „Ich glaube, wir müssen akzeptieren, dass wir mit 80 Jahren nicht mehr so auf dem Trampolin springen wie mit 20.“ Für Arzt liegt darin ein tröstlicher Gedanke: „Die Endlichkeit des Lebens bedeutet, dass wir nicht alles erreichen können – und dass wir zugleich nicht alles befürchten müssen.“ Diese Begrenztheit könne Druck nehmen. Altern, Krankheit und Scheitern seien keine Fehler, sondern Teil des Menschseins.
Langlebigkeit bedeutet also nicht, einfach möglichst alt zu werden. Es geht darum, jene Jahre zu gewinnen, in denen wir uns kraftvoll, beweglich und geistig klar fühlen.
Was darüber entscheidet, liegt zu einem großen Teil in unserem Alltag – in Ernährung und Bewegung, im Umgang mit Stress und in sozialen Beziehungen. Longevity ist kein Versprechen auf ewige Jugend, sondern die bewusste Entscheidung, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen – ein Prozess, der jeden Tag beginnt.
Fünf Tipps für ein langes, gesundes Leben
1. Pflanzenbetont essen: Jeden Tag den „Regenbogen“
Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst und Vollkorn senken nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz. Weniger Fleisch, Zucker und Fertigprodukte wirken langfristig lebensverlängernd.
2. Krafttraining fix einplanen
Zwei Einheiten pro Woche helfen dem Muskelabbau vorzubeugen, die Mobilität zu erhalten und Stürze zu vermeiden.
3. Fasten bewusst einsetzen
Regelmäßige, gut integrierbare Fastenphasen aktivieren zelluläre Reparaturprozesse und unterstützen Stoffwechsel und Entzündungsregulation.
4. Mentale Flexibilität stärken
Gesund altern heißt auch, Veränderungen anzunehmen. Wer interessiert und offen für Neues bleibt, schützt seine psychische Gesundheit.
5. Pflege soziale Bindungen
Sich verbunden zu fühlen, gebraucht zu werden und Teil von etwas zu sein, wirkt nachweislich stabilisierend – körperlich wie psychisch.
Expert*in finden
Gesundes Altern ist keine Einzeldisziplin.
In unserem Netzwerk der Gesundheitsparks findest du qualifizierte Ansprechpartner*innen aus Medizin, Sportwissenschaft, Therapie, Psychologie und Beratung.
Sie unterstützen dich dabei, präventive Maßnahmen realistisch und alltagstauglich umzusetzen.
Foto: Suhrkamp Verlag
Buchtipp
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