Wenn das Leben wie ein kaputter Kopfhörer klingt
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Wenn das Leben wie ein kaputter Kopfhörer klingt

Es fühlt sich an, als hättest du Watte in einem Ohr. Oder als würdest du versuchen, mit einem kaputten Kopfhörer Musik zu hören. Manchmal ist die Ursache einfach ein Ohrenschmalz-Pfropfen, der den Gehörgang verlegt. Aber es ist auch möglich, dass du zu jenen tausenden Menschen zählst, die jedes Jahr in Österreich einen Hörsturz erleiden.

Einseitig, aber vielschichtig

Eines der markantesten Kennzeichen des Hörsturzes ist ein abruptes, schlechter werdendes Gehör – und zwar einseitig. „Beidseitige Hörstürze gibt es de facto nicht“, erklärt Dr. Philipp Wimmer, HNO-Arzt in der Gruppenpraxis HNO17 im Gesundheitspark Göttlicher Heiland. Sollte tatsächlich auf beiden Seiten ein plötzlicher Hörverlust auftreten, dann könnte das unter anderem auf ein neurologisches Problem (z. B. einen Schlaganfall) hinweisen – ein medizinischer Notfall. 

Neben der einseitigen Hörminderung kann beim Hörsturz auch Ohrensausen („Tinnitus“) auftreten. Einige Patient*innen leiden auch an einer Geräuschüberempfindlichkeit, das heißt, sie nehmen bestimmte Tonfrequenzen deutlich lauter wahr als sonst. Dieses unangenehme Symptom nennt sich „Hyperakusis“ und hat seinen Ursprung in der Art, wie wir Geräusche wahrnehmen. Das passiert in der Hörschnecke (auch „Cochlea“ genannt), wo kleine Haarzellen die Frequenzen empfangen. Beim Hörsturz kann es vorkommen, dass ein Teil davon beschädigt oder gestört ist. Diese Frequenzen klingen dann matter und gedämpfter. Die Haarzellen mit normaler Funktion sind im Gegenzug empfindlicher, diese Töne wirken dann lauter, fast dröhnend. 

Du wirst leider nie erfahren, warum du einen Hörsturz hast

Über die Ursachen des Hörsturzes ist noch relativ wenig bekannt. Vermutet werden Infekte, z. B. mit Herpesviren. Auch die Blutversorgung im Ohr könnte durch Gefäßverengungen beeinträchtigt sein. Außerdem könnte es einen Zusammenhang mit Distress, also dem negativ empfundenen Stress, und mit Muskelverspannungen im Nackenbereich geben. „Es ist jedoch immer sehr schwierig zu sagen, was im einzelnen Fall die Ursache war. Ich würde sogar behaupten, dass es sich nicht herausfinden lässt“, unterstreicht Dr. Wimmer. „Man muss sich die Hörsturz-Ursachen wie Zahnräder vorstellen, die ineinandergreifen. Es gibt nicht den einen Auslöser, sondern meistens ist es eine Kombination. Wer beispielsweise Distress hat, ist auch oft verspannt.“ 

Abwarten – und dann eventuell Cortison

Die gute Nachricht: Welche Ursache der Hörsturz hat, ist für die Behandlung unbedeutend. Häufig ist nicht einmal eine Therapie nötig, betont Dr. Wimmer: „Etwas mehr als 80 % der Hörsturz-Empfindungen oder Hörstürze gehen innerhalb der ersten Tage nach dem Auftreten von ganz alleine weg.“ Bis heute hält sich jedoch der Mythos, dass ein Hörsturz sofort behandelt werden muss. Studien belegen aber, dass Betroffene ruhig ein paar Tage abwarten können, ohne dass sich das negativ auf die Heilungschancen auswirkt.  

Bessern sich die Beschwerden nicht, dann wird eine dreitägige Stoßtherapie mit hoch dosiertem Cortison als Infusion empfohlen. Eine zweite Therapiemöglichkeit ist die Cortison-Spritze. „Dabei wird der Wirkstoff mit einer kleinen Nadel über das Trommelfell ins Mittelohr injiziert. Man bringt das Cortison also direkt dorthin, wo man es haben will“, erklärt Dr. Wimmer. Im Gegensatz zu den Infusionen wird der Körper dabei nicht belastet. Laut Studien sind beide Methoden gleich wirksam.  

Was heutzutage nicht mehr empfohlen wird, sind Cortison-Infusionstherapien, die sich über den Zeitraum von zwei Wochen erstrecken oder die Gabe von durchblutungsfördernden Medikamenten. Diese früher angewandten Methoden zeigen keine Wirkung. 

Weder Stille noch ein Rockkonzert

Bei der Behandlung vom Hörsturz ist also etwas Geduld gefragt. Aber: „Ich sage meinen Patient*innen immer wieder, dass sie absolute Stille meiden sollen“, unterstreicht Dr. Wimmer. Denn in ruhiger Umgebung sind Begleiterscheinungen wie Ohrensausen noch penetranter. Der HNO-Arzt rät zu mäßigen Hintergrundgeräuschen. Lass also das Radio im Hintergrund laufen, höre Musik in moderater Lautstärke oder öffne das Fenster für dezente Umgebungsgeräusche. Allerdings solltest du es mit der Lautstärke auch nicht übertreiben. Wenn du deinen Hörsturz auskurierst, dann sind weder ein Besuch in einem Nachtclub noch ein – sagen wir – Iron-Maiden-Konzert eine besonders gute Idee. 

Ergänzend zu den oben genannten Therapien kann dir manchmal auch die Physiotherapie helfen. „Oftmals wird auch etwas als Hörsturz missinterpretiert, was in Wirklichkeit eine Verspannungssymptomatik der Muskulatur ist“, gibt Dr. Wimmer zu bedenken. Im Mittelohr sitzen nämlich Muskeln, die sich bei Lärm zusammenziehen, um uns vor zu lauten Geräuschen zu schützen. Werden Verspannungen bei Hals und Nacken gelöst, entspannen sich oft auch diese Muskeln im Mittelohr. 

In hartnäckigen Fällen

Wie erwähnt, gehen die meisten Hörstürze von selbst oder dank der genannten Therapien weg. Ein kleiner Bruchteil ist jedoch hartnäckiger. In diesem Fall wird ein sogenanntes Reintonaudiogramm durchgeführt, um herauszufinden, welche Frequenzbereiche wie stark geschädigt sind. Bei leichten bis mittleren Schäden kann ein Hörgerät helfen, das gewisse Frequenzen verstärken und andere mindern kann. Bei sehr starken Hörstörungen bis hin zur Taubheit, ist auch der Einsatz von Cochlea-Implantaten möglich. Diese aktivieren den Hörnerv mit elektronischen Impulsen. Die Hörleistung kann dadurch wiederhergestellt und Beschwerden wie das Ohrensausen stark reduziert werden.  

Wenn der Hörsturz öfter auftritt

Solltest du öfter einen Hörsturz haben, dann sind weitere Untersuchungen nötig. „In diesem Fall muss man sich die Hörbahn ansehen, die in den sogenannten Kleinhirnbrückenwinkel mündet. Auf dieser Strecke kann es zu Fehlbildungen kommen, die diese Hörstürze verursachen“, erklärt Dr. Wimmer. Aber auch der Morbus Méniere äußert sich in mehrmaligen Hörstürzen. Diese Krankheit geht – im Gegensatz zum „normalen“ Hörsturz – jedoch mit einem oft heftigen Drehschwindel einher. 

Hörsturz - was tun?

1) Bei einseitiger Hörminderung wartest du am besten zwei, drei Tage ab.

2) Gehen die Beschwerden nicht von selbst weg, dann wende dich an eine/n HNO-Fachärzt*in. Hier findest du jene aus dem Gesundheitspark-Netzwerk.

3) Die HNO-Fachärzt*innen überweisen dich bei Bedarf zu weiterführenden Maßnahmen - etwa der Physiotherapie, die du ebenfalls in den Gesundheitsparks findest.

Der Hörsturz, die große Unbekannte

Über die Ursachen des Hörsturzes ist wenig bekannt. Das liegt zum einen daran, dass das Ohr schwer zu untersuchen ist, andererseits aber auch am komplexen Zusammenspiel vieler Faktoren. Selbst die Cortison-Therapie beruht mehr oder weniger auf Erfahrungswerten und der Annahme, dass auch Entzündungsprozesse am Hörsturz beteiligt sind. Um zumindest einige der Wissenslücken zu füllen, untersucht die groß angelegte „HODOKORT“-Studie des Deutschen Studienzentrums für HNO-Heilkunde derzeit die Wirksamkeit der verschiedenen Cortison-Therapien.


Autor
Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
11.08.2022
Themen
Foto oben: Christopher Campbell - Unsplash

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