Kinder brauchen Menschen und keine Apps
Zurück zur Übersicht

Kinder brauchen Menschen und keine Apps

Der Grundstein für die psychische Gesundheit von Kindern wird bereits in der Schwangerschaft gelegt. Später imitieren die Kleinen das Verhalten ihrer Bezugspersonen. Besonders der exzessive Medienkonsum kann sich negativ auswirken. Es ist an der Zeit, den Blick vom Bildschirm abzuwenden und der Realität ins Auge zu sehen. 

Die gesunde psychische Entwicklung des Kindes beginnt schon während der Schwangerschaft. Das Baby bekommt direkt und indirekt mit, was außerhalb des Bauches passiert. „Es ist nicht losgelöst von der Mutter, sondern übernimmt natürlich unter anderem alle möglichen körpereigenen Botenstoffe“, erklärt Mag. Regina Anderl, Klinische Psychologin, Kinder-, Jugend- und Familienpsychologin und Psychoonkologin im Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz.

„Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sind Sicherheit, Halt und Geborgenheit die wichtigsten Faktoren“, sagt Anderl und verweist auf den Begriff des „Nährens“. Dabei geht es nicht nur um die reine Nahrungsaufnahme. Mit jeder Mahlzeit wird auch die Bindung zwischen Mutter und Kind gestärkt.

Kommunikation gibt Sicherheit

„Diese Sicherheit entsteht in der Kommunikation mit dem Kind, im stressfreien Umgang und ist eine wichtige Grundlage für das weitere Leben. Wenn diese im Säuglings- oder Kleinkindalter nicht gegeben ist, kann das später Angst auslösen“, erklärt Mag. Anderl. Oft kollidieren diese schönen Vorstellungen vom „stressfreien Umgang“ jedoch mit der harten Realität – wenn das Kind schreit oder nicht durchschläft, die Eltern überfordert, unter Druck oder zerstritten sind.   

Foto: Lukas Godina - Unsplash

Schöne neue Medienwelt

Erschwerend kommt hinzu, dass Kinder heute in einer Zeit der permanenten (digitalen) Medienberieselung aufwachsen – mit zum Teil dramatischen Folgen.

„Die Entwicklung von Kindern hängt stark davon ab, was sie in ihrer Kindheit erleben. Im besten Fall erleben sie Bezugspersonen, bei denen sie an der Mimik die Reaktion auf sich selbst ablesen können, sie spiegeln sich sozusagen in ihrem Gegenüber”, schildert MR Dr. Manuela Baumgartner, Kinderärztin mit Zusatzfach Neuropädiatrie im Kinder-Primärversorgungszentrum Kinderärzte am Domplatz in Linz.

Verwirrung in Serie

Doch häufig erleben Kinder folgende Situationen: Papa oder Mama schaukeln mit einer Hand den Kinderwagen, mit der anderen wird telefoniert, gewhatsapped, geliket und geteilt. Oder dank der Smartphone-Halterung am Buggy wird nebenbei eine Serie geschaut.  

„Mama oder Papa blicken zum Kind – aber eigentlich betrachten sie ein Video und reagieren mit ihrer Mimik auf diese Medieninhalte und nicht auf die Emotionen des Kindes“, beschreibt Dr. Baumgartner diese leider alltägliche Szene. Das Kind, das seine Eltern anlächelt, bekommt als „Antwort“ den Gesichtsausdruck der Eltern, die vielleicht gerade auf eine verstörende Szene in einer True-Crime-Serie reagieren. „Die Entwicklung des Kindes wird durch dieses Verhalten massiv beeinflusst und eine Bindungsstörung ist damit vorgezeichnet“, erklärt Dr. Baumgartner. Wissenschaftlich untersucht wurde dieses Missverhältnis zwischen der eigenen Emotion und der Reaktion des Gegenübers im sogenannten „Still Face Experiment“ (siehe Infobox).   

Läuft das Kind unter Android oder iOS?

Oft wird das Smartphone als Allzweckwerkzeug eingesetzt, um den Alltag mit Kindern zu bewältigen. „Wenn das Kind nichts isst, wird ihm das Handy hingelegt, damit es abgelenkt ist“, erzählt Dr. Baumgartner und ergänzt: „Durch diese Ablenkung geht der Kontakt am gemeinsamen Mittagstisch verloren und die Kinder essen oft nur noch, wenn das Smartphone läuft. Sonst werden sie wütend und schreien“. Oder wie es Mag. Anderl formuliert: „Zur Beruhigung werden nicht Mama, Papa oder Beziehungen angeboten, sondern Medieninhalte.“

Selbst bei ärztlichen Untersuchungen und Impfungen werden viele Kinder mit dem Smartphone abgelenkt. „Was lernen die Kinder? Dass sie keine Bezugsperson haben, die sagt: Das tut ein bisschen weh, aber jetzt ist wieder alles gut“, sagt Dr. Baumgartner.

Foto: RDNE Stock Project - Pexels

Neuester Trend: Spezielle Stirnbänder mit Smartphone-Halterung auf dem Kopf von Mama und Papa, um den Nachwuchs beim Wickeln abzulenken und zu beruhigen.

„Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind und glauben, dass das Kind dank solcher Maßnahmen nicht leidet, keine Schmerzen hat, keinen Frust aushalten muss – aber es lernt dadurch auch nichts“, gibt Dr. Baumgartner zu bedenken.

Hinzu kommt der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit. „Die permanenten Unterbrechungen mitten im Gespräch, mitten im Spiel, mitten im Kuscheln – das macht etwas mit uns, was wir noch gar nicht abschätzen können“, warnt Dr. Baumgartner. „Unsere Kinder sind hochgradig gefährdet – und wir Erwachsenen auch.“

Schadsoftware für die Seele

Übermäßiger Medienkonsum kann zu sozialer und emotionaler Isolation führen, die als Pseudoautismus bezeichnet wird. Dieser äußert sich in einer fehlenden Reaktion auf emotionale oder soziale Signale. Durch Medienverzicht und persönliche Kontakte kann sich dieser Zustand zurückbilden. Längere Isolation erschwert jedoch die Rückkehr in ein normales soziales Leben und beeinträchtigt die Funktion der Synapsen und die geistige Leistungsfähigkeit.  

Während der Corona-Pandemie hat auch der Medienkonsum zugenommen. Damit verbundene psychische Probleme wie sozialer Rückzug, Depressionen und Mobbing traten vermehrt auf und führten zu einem deutlichen Anstieg der Hilfesuchenden. 

Der richtige Umgang

Dr. Baumgartner und Mag. Anderl sind sich jedoch einig, dass ein komplettes Medienverbot keineswegs zielführend ist.  

„Technologien lassen sich nicht gänzlich vermeiden. Sie sind ein wichtiges Werkzeug für uns Erwachsene, das auch Vorteile bringt“, so Mag. Anderl. Die negativen Seiten seien aber nicht von der Hand zu weisen. „Kontrolle ist bis zu einem gewissen Grad wichtig“, sagt die Psychologin. Eine schwierige Gratwanderung, denn ein Zuviel an Kontrolle signalisiert dem Kind auch ein Zuwenig an Vertrauen. 

3-6-9-12-Regel

Für Dr. Baumgartner bietet die 3-6-9-12-Regel einen Anhaltspunkt für einen gesunden Umgang mit (digitalen) Medien: 

  • Keine Medien für Kinder unter 3 Jahren. 

  • Keine eigene Spielekonsole unter 6 Jahren. 

  • Keine Internetnutzung unter 9 Jahren. 

  • Keine sozialen Medien unter 12 Jahren. 

Der Medienkonsum sollte zudem immer zeitlich begrenzt sein. „Eine Viertelstunde Teletubbies, um in Ruhe mal einen Kaffee zu trinken, ist nicht das Problem. Aber es darf kein Ersatz für die zwischenmenschliche Kommunikation werden", betont Mag. Anderl. 

Entscheidend ist auch, wie mit Kindern Medien konsumiert werden, erklärt Dr. Baumgartner: „Ich kann mit meinen Kindern ein Fußballspiel im Fernsehen anschauen und wir haben gemeinsam Spaß dabei, kommentieren das Geschehen usw. – das heißt, ich gehe in Interaktion.“ 

Das Smartphone darf nicht mitessen

Bei gemeinsamen Mahlzeiten haben Smartphone und Co. am Esstisch nichts zu suchen und auch im sonstigen Alltag sollten Freiräume von der Mediennutzung geschaffen werden.

Dr. Baumgartner berichtet von positiven Erfahrungen von vier Vätern, die für ihre Söhne feste handyfreie Zeiten eingeführt haben.

Statt das Smartphone als „Beruhigungsmittel“ einzusetzen, empfiehlt Dr. Baumgartner kreative, spielerische Methoden, um etwa das Kind zum Essen zu animieren – etwa der berühmte „Flieger“, der mit dem Essen im Mund des Kindes landet.

Foto: Jelleke Vanooteghem - Unsplash

Vorbildfunktion

„Kinder müssen die Möglichkeit haben, soziales Verhalten zu üben. Emotionale Kompetenz können sie nicht am Handy erleben. Sie benötigen die Bezugsperson, die ihnen etwas zurückgibt und ahmen das Verhalten von Erwachsenen nach“, unterstreicht Dr. Baumgartner die Vorbildwirkung der Eltern. Diese sollten ihren eigenen Medienkonsum kritisch hinterfragen.

Das oben erwähnte Einüben von Sozialverhalten ist für Kinder besonders wichtig, da sich ihr Umfeld mit der Zeit ständig erweitert. „Sie treffen immer wieder neue Menschen, zum Beispiel in der Schule, und lernen über diese neuen Beziehungen sich selbst und den Umgang mit Gefühlen kennen“, sagt Mag. Anderl.

Diese wichtigen Erfahrungen können durch kein Smartphone, kein Tablet und keine App ersetzt werden.

Tipps für psychische Gesundheit und Medienkonsum:

  1. Versuche Stress während der Schwangerschaft so gut es geht zu reduzieren.


  2. Stärke Bindung und Sicherheit durch stressfreie Kommunikation und emotionalen Austausch.

  3. Steuere deinen Medienkonsum bewusst und sei ein Vorbild. Direkte Interaktionen und emotionale Spiegelungen sind wichtig.

  4. Führe festgelegte medienfreie Zeiten ein, besonders bei gemeinsamen Mahlzeiten und Aktivitäten, um den direkten Kontakt zu fördern.

  5. Orientiere dich an der 3-6-9-12-Regel:

    • Keine Mediennutzung unter 3 Jahren.

    • Keine eigene Spielekonsole unter 6 Jahren.

    • Keine Internetnutzung unter 9 Jahren.

    • Keine sozialen Medien unter 12 Jahren.

    • Begrenze und kontrolliere den Medienkonsum zeitlich.

  6. Nutze Medien gemeinsam und möglichst interaktiv.


  7. Verwende das Smartphone nicht als Ablenkung und Beruhigungsmittel, sondern setze kreative und spielerische Methoden ein.

  8. Ermögliche deinem Kind, soziales Verhalten durch direkte Interaktionen zu üben.

  9. Vermeide ständige Unterbrechungen durch digitale Geräte.

Das Still-Face-Experiment

Das „Still-Face-Experiment“ der Harvard-Universität zeigt, wie wichtig die nonverbale Kommunikation für die Entwicklung von Babys ist. Dabei interagiert eine Mutter zunächst normal mit ihrem Baby, dann zeigt sie plötzlich keine Gefühlsregung. Das Baby ist verwirrt und gestresst, weil es die Verbindung zu seiner Mutter verloren hat. Es versucht, die Verbindung wiederherzustellen, bis es resigniert.

Häufige psychische Probleme bei Kindern

Ängste sind oft Auslöser für unsoziales Verhalten und führen zu Vermeidungsverhalten oder Zwangshandlungen. In psychiatrischen Einrichtungen ist derzeit eine Zunahme von Suizidversuchen und Drogenmissbrauch festzustellen, ebenso wie psychosomatische Probleme. Von Letzteren besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, denen es an Ausdrucksmöglichkeiten und Ressourcen fehlt. Introvertierte Kinder drücken ihre Ängste häufig körperlich aus, mit Beschwerden wie Reizdarm-Syndrom, Bauch- oder Kopfschmerzen. Diese realen Beschwerden können instrumentalisiert werden, um Aufmerksamkeit zu erlangen oder schulische Verpflichtungen zu vermeiden, was in manchen Fällen sogar zur Schulverweigerung führen kann.


Autor
Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
30.07.2024
Foto: Jelleke Vanooteghem - Unsplash

Deine Expertinnen* und Experten* in diesem Beitrag

Alle Expertinnen* und Experten* anzeigen

Ähnliche Beiträge zu diesem Thema