Klänge, die im Inneren widerhallen
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Klänge, die im Inneren widerhallen

Neuromusik ist eine besondere Entspannungsmusik und wird unter anderem am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien eingesetzt. Die als „Neurotunes“ bezeichneten Stücke von Coach und Musiker Karl Edy werden mit Musiker*innen in einem professionellen Tonstudio eingespielt. Deren Wirkung basiert auf einem verblüffenden physikalischen Phänomen.

Eine Idee hebt ab

Die Ursprünge der Neuromusik liegen ironischerweise in der Geräuschkulisse von Turboprop-Flugzeugen. Wurden die Rotoren dieser Maschinen nicht exakt parallel eingestellt, entstand ein brummendes Geräusch. „Man hat bemerkt, dass die Passagier*innen im Flugzeug reihenweise eingeschlafen sind, sobald dieses Geräusch aufgetreten ist“, erklärt Dr. Johannes Thomas, Facharzt für Innere Medizin und stellvertretender Ärztlicher Direktor am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Wien. „Angeblich sind damals sogar Pilot*innen eingeschlafen.“

Ein Flugzeug mit Turboprop-Antrieb.

Ein Flugzeug mit Turboprop-Antrieb.

Hinter diesem physikalischen Phänomen liegen bestimmte Tonfrequenzen, die im Gehirn maximale Entspannung auslösen. „Alphazustand“ nennen das Neurolog*innen. Unser Körper erreicht diesen Zustand zweimal täglich: beim Einschlafen und beim Aufwachen. „Die Neuromusik ist ein sehr unkomplizierter Weg, um diese maximale Entspannung zu erreichen. Ich würde sie als mentale Rückstelltaste bezeichnen“, sagt Dr. Thomas.   

Die besagten Tonfrequenzen allein sind für das Ohr nicht angenehm. Deshalb hat der Wiener Psychosoziale Berater, Coach und Musiker Karl Edy vor 15 Jahren begonnen, diese mit Musik zu vereinen. 35 CDs hat er inzwischen veröffentlicht. „Man findet online sehr viel Entspannungsmusik, aber das meiste davon ist billig produziert“, erklärt Edy. Seine „Neurotunes“ heben sich von dieser Massenware ab. Sie werden in Studioqualität und mit echten Instrumenten produziert. Auch in der Qualität der Komposition gibt es deutliche Unterschiede. „Eine gute Entspannungsmusik ist nicht nur entspannend, sondern baut auch Spannung auf“, so Edy. Ein Ansatz, der von der progressiven Muskelentspannung, einer bekannten Entspannungstechnik, entlehnt wurde. Auch bei dieser sorgt der Wechsel zwischen Muskelspannung und -entspannung für den gewünschten Effekt.  

Für Körper, Geist und Seele

Das Einsatzgebiet der Neuromusik ist vielfältig. Patient*innen mit Schlafstörungen können davon profitieren und in manchen Fällen auf Schlafmittel verzichten. Eingebettet in einem umfassenden Behandlungskonzept, helfen die Klänge auch Patient*innen mit erhöhtem Blutdruck. „Man kann durch die Anwendung den Pulsschlag binnen weniger Minuten um 10–15 Schläge pro Minute reduzieren“, erklärt Dr. Thomas. Und Karl Edy ergänzt: „Wir haben Stücke, die beginnen mit einem Tempo von 60 Schlägen pro Minute. Das entspricht in etwa dem Ruhepuls. Im Stück wird die Musik dann langsam langsamer. Innerhalb von etwa 15 Minuten wird das Tempo auf 52 Schläge pro Minute verringert.“ Das Ergebnis: Der Puls verlangsamt sich entsprechend, die Atemfrequenz wird niedriger, die Muskeln und das Gehirn entspannen sich. Im Speichel verringert sich das Stresshormon Cortisol.   

Speziell eingesetzte Neuro-Soundeffekte (siehe Infobox) passen die Musik an das jeweilige Einsatzgebiet an. Unter dem Titel „Bauchgefühl“ haben Dr. Johannes Thomas und Karl Edy etwa Musik gestaltet, die Reizdarm-Patient*innen Linderung verschaffen soll. Mögliche weitere Einsatzgebiete der Neuromusik sind Angststörungen oder depressive Verstimmungen. Bei Letzterem soll mithilfe der sogenannten „Bilateralen Hemisphärenstimulation“ eine bestimmte Schlafphase, die REM-Phase, nachgeahmt und beide Gehirnhälften abwechselnd stimuliert werden.   

Neuromusik kann auch einfach dabei unterstützen, den Alltag besser zu meistern. „Sie hilft, Stress abzubauen und sorgt außerdem für eine emotionale Entspannung. Gleichzeitig kann sie klare Gedanken, Konzentration und Kreativität fördern“, betont Edy.  

Musik für Kopfhörer, aber nicht für die Autofahrt

Neuromusik kann selbst angewandt werden. Für Einsteiger*innen gibt es auch Musik mit gesprochenen Meditationsanleitungen.   

Zwei Dinge sind jedoch zu beachten: beim Hören sollten Stereokopfhörer genutzt werden, um den Effekt der Behandlung zu maximieren. Die Qualität der Kopfhörer ist dabei nebensächlich. Und: Neuromusik sollte niemals im Straßenverkehr konsumiert werden – denn für das Steuern eines Autos gilt das Gleiche wie für ein Turboprop-Flugzeug: einschlafen ist keine gute Idee.  

Kostenlose Hörproben

Findest du als MP3-Download auf der Neurotunes-Webseite oder auf YouTube.

Neuro-Soundeffekte

Neuro-Soundeffekte sollen für unterschiedliche Wirkungen sorgen, haben aber einen gemeinsamen Nenner: sie tragen ungewöhnliche Namen wie „Bilaterale Hemisphärenstimulation“ oder „Rosa Rauschen“. Nähere Informationen dazu findest du hier.


Autor
Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
03.02.2022
Foto: Vinzent Weinbeer - Pixabay

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