Wenn der Kopf seinen eigenen Kopf hat
Nahezu jeder Mensch leidet im Laufe seines Lebens einmal an Kopfschmerzen oder Migräne. Die Beschwerden können stark variieren – genauso wie die möglichen Therapien.
Rund 1 Million Menschen in Österreich leiden regelmäßig an Kopfschmerzen. Die Bandbreite dieser Beschwerden ist groß: über 300 verschiedene Kopfschmerzarten werden gezählt. Zu den häufigsten zählen Spannungskopfschmerzen, Migräne und die besonders intensiven Clusterkopfschmerzen.
Primär oder sekundär?
Kopfschmerzen lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: primäre und sekundäre Kopfschmerzen.
„Es ist wichtig, zwischen diesen beiden Formen zu unterscheiden, um eine gezielte Behandlung zu ermöglichen“, betont Neurologin und Allgemeinmedizinerin Dr. Bettina Dangl aus dem Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz.
Primäre Kopfschmerzen sind eigenständige Erkrankungen, wie Migräne oder Clusterkopfschmerzen.
Sekundäre Kopfschmerzen werden durch eine andere Grunderkrankung, wie z. B. eine Verletzung oder eine Gehirnhautentzündung, ausgelöst. „Diese Kopfschmerzen unterscheiden sich oft in ihrer Intensität und Begleitsymptomen von normalen Kopfschmerzen”, erklärt Dr. Dangl. Sie empfiehlt, Kopfschmerzen rasch abklären lassen, wenn sie ungewöhnlich stark sind, plötzlich auftreten oder von anderen Symptomen wie Fieber, Nackensteifigkeit oder neurologischen Ausfällen begleitet werden.
Kopfschmerz-Tagebuch als wichtiges Werkzeug
Auch wenn kein Notfall vorliegt, ist oft eine ärztliche Abklärung nötig. Ein entscheidender Hinweis für die Diagnose der Kopfschmerzart ist das Verteilungsmuster der Schmerzen. „Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene die Dauer, Häufigkeit und die betroffenen Kopfbereiche in einem Kopfschmerztagebuch festhalten“, so Dr. Dangl.
Eine Aussage, die auch Kassandra Steiner, Leiterin der Selbsthilfeorganisation Kopfweh Österreich für Wien (siehe Infobox „ Hilfe für Betroffene”) unterstreicht: „Bevor Patient*innen eine neurologische Praxis aufsuchen, sollten sie mindestens einen Monat lang ein Kopfschmerztagebuch führen.“
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Spannungskopfschmerzen: Ein vertrauter Feind
„Viele Kopfschmerzen entstehen durch Verspannungen in der Nacken-, Hals- und Schultermuskulatur, oft ausgelöst durch Stress oder Überlastung“, erklärt Dr. Elisabeth Preuer, Allgemeinmedizinerin mit Fokus auf Schmerztherapie aus dem Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz.
Spannungskopfschmerzen fühlen sich meist als dumpfer, drückender Schmerz an, der sich wie ein enger Ring um den Kopf legt, ergänzt Dr. Dangl: „Viele Betroffene beschreiben, es fühle sich an, als ob sie einen zu engen Helm tragen würden.” Diese Schmerzen können vor allem bei chronischem Auftreten sehr belastend sein.
Migräne: Mehr als Kopfschmerzen
Eine Migräneattacke geht hingegen über „gewöhnliche” Kopfschmerzen hinaus und wird von zusätzlichen Symptomen begleitet. „Sie unterscheidet sich durch einseitige, pulsierende Schmerzen, Sehstörungen, Schwindel und Lichtempfindlichkeit“, erklärt Dr. Preuer. Auch Übelkeit und Erbrechen sind möglich. Zwischen vier und 72 Stunden können die Attacken dauern.
Eine Migräne kann in zwei Formen auftreten: mit oder ohne Aura. Diese Sehstörungen wirken oft kaleidoskopartig mit gläsernen, zackigen Formen – ein manchmal recht (ver-)störendes Spektakel, dem oft heftige Kopfschmerzen folgen.
Clusterkopfschmerzen: Die Qual im Kopf
Clusterkopfschmerzen sind eine seltene, aber extrem schmerzhafte Kopfschmerzform, die in Episoden auftritt und meist wenige Minuten andauert. „Der Schmerz ist so stark, dass Betroffene oft das Gefühl haben, ihren Kopf gegen die Wand schlagen zu müssen, um Linderung zu finden“, erklärt Dr. Dangl. Der Schmerz konzentriert sich einseitig um das Auge und wird oft von tränenden Augen, laufender Nase und Schwellungen begleitet. Die genaue Ursache ist unbekannt. Es wird jedoch eine Funktionsstörung des Hypothalamus vermutet, einem kleinen Bereich im Gehirn, der wichtige Körperfunktionen wie Temperatur, Hunger, Durst und Schlaf reguliert sowie die Hormonproduktion beeinflusst.
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Behandlungsmöglichkeiten
So unterschiedlich die Kopfschmerzarten sind, so unterschiedlich sind auch die Behandlungsansätze:
Sekundäre Kopfschmerzen erfordern die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache, wie etwa einer Entzündung.
Bei Spannungskopfschmerzen kommen oft Schmerzmittel wie Ibuprofen zum Einsatz.
Migräne und Clusterkopfschmerzen werden häufig mit sogenannten Triptanen behandelt, die möglichst früh während eines Anfalls eingenommen werden sollten. „Je früher die Einnahme erfolgt, desto besser die Wirkung“, betont Kassandra Steiner. Doch: Zu oft eingenommen, können diese speziellen Medikamente erst recht wieder Kopfschmerzen auslösen.
Betablocker, ursprünglich Herz-Kreislauf-Medikamente, werden auch zur Migränevorbeugung eingesetzt. Sie verlangsamen den Herzschlag und senken den Blutdruck, was helfen kann, Migräneanfälle zu verhindern. Allerdings haben sie Nebenwirkungen: Sie machen körperliche Aktivitäten anstrengender, da die Herzfrequenz nur schwer über 120 Schläge pro Minute steigt. Diese Nebenwirkungen sind vor allem für junge Frauen, die häufig von Migräne betroffen sind, problematisch, wie Dr. Dangl betont.
Neben medikamentösen Therapien gibt es auch andere Optionen. „Akupunktur hilft, die Muskelspannung zu regulieren und kann im Kopf-, Nacken- und Schulterbereich zur Entspannung beitragen”, erklärt Dr. Preuer. „Besonders bei Spannungskopfschmerzen und Migräne kann Akupunktur eine effektive Unterstützung sein. Neben medizinischen Maßnahmen können außerdem psychologische Unterstützung und Entspannungstechniken sehr nützlich sein”, so Dr. Preuer.
Prävention: Der Schlüssel zur Linderung
Präventive Maßnahmen sind für die Betroffenen besonders wichtig. „Stress spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräne. Wer frühzeitig erste Anzeichen wie Lichtempfindlichkeit wahrnimmt, könnte sich zurückziehen, um so einen Anfall zu verhindern bzw abzumildern“, empfiehlt Dr. Preuer.
„Es ist wichtig, dass Betroffene wieder lernen, auf die Signale ihres Körpers zu hören“, ergänzt Steiner. Regelmäßiger Schlaf in richtiger Dosis, eine ausgewogene Ernährung und Stressbewältigung sind hilfreiche Ansätze.
Regelmäßiges Ausdauertraining kann helfen, die Häufigkeit von Migräneanfällen zu reduzieren, betont Dr. Dangl. Laut Studien profitieren Betroffene, die an mindestens drei Tagen pro Woche eine Stunde oder mehr Ausdauersport betreiben, von deutlich weniger Migräne-Episoden.
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Neuere Methoden
Eine relativ neue Methode zur Migränevorbeugung sind sogenannte CGRP-Antikörper. Diese blockieren das Molekül CGRP, das bei Migräneattacken Entzündungen und Schmerzen auslöst. Durch den Einsatz dieser Antikörper kann die Häufigkeit von Migräneanfällen reduziert werden, besonders bei Patient*innen, die auf andere Medikamente nicht ansprechen. Auch Botox ist bei therapieresistenter Migräne zugelassen.
Die Forschung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Derzeit läuft an der MedUni Wien eine klinische Studie, die untersucht, wie kurze Magnetimpulse zur Vorbeugung von Migräne beitragen können.
Fünf Tipps gegen Kopfschmerzen
Führe ein Kopfschmerztagebuch, um Dauer, Häufigkeit und betroffene Kopfbereiche festzuhalten. Das ist besonders wichtig, bevor du eine neurologische Praxis aufsuchst.
Lass plötzlich auftretende, starke Kopfschmerzen mit Begleitsymptomen wie Fieber oder Nackensteifigkeit rasch ärztlich abklären.
Spannungskopfschmerzen werden oft durch Stress und Verspannungen ausgelöst – Entspannungstechniken können Abhilfe schaffen.
Regelmäßiges Ausdauertraining kann helfen, Migräneanfälle zu reduzieren.
Lerne, wieder auf die Signale deines Körpers zu achten.
Wo welche Kopfschmerzen auftreten
Typische Lokalisation bestimmter Kopfschmerzarten:
1) Spannungskopfschmerz
2) Migräne
3) Clusterkopfschmerz
4) Zervikogener Kopfschmerz
Hilfe für Betroffene
Kopfweh Österreich bietet Betroffenen und Interessierten eine Vielzahl an Unterstützungsmöglichkeiten. Dazu zählen Vorträge sowie Erfahrungsaustausch, sowohl in Präsenzveranstaltungen als auch online.
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