Wenn die Uhr das Leben diktiert
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Wenn die Uhr das Leben diktiert

Wearables erfassen Schritte, Schlafphasen, Herzfrequenz und vieles mehr. Sie gelten als praktische Helfer für einen gesunden Lebensstil. Doch wo bleibt das Körpergefühl, wenn Technik den Alltag übernimmt?

Rund 770.000 Menschen in Österreich nutzen laut Statista¹ 2024 regelmäßig Wearables wie Smartwatches, Schrittzähler oder Schlaftracker. Besonders beliebt sind sie bei 30- bis 44-Jährigen und in Haushalten mit höherem Einkommen. Die häufigsten Einsatzbereiche: Bewegungstracking, Pulsüberwachung und Schlafanalyse.

Die Idee dahinter klingt sinnvoll – doch die Realität ist oft komplexer.

Foto: Dushawn Jovic - Unsplash

Vom hilfreichen Tool zur ständigen Kontrolle

Miriam ist 38, sportlich und gesundheitsbewusst. Ihr Tag beginnt digital: Noch im Bett checkt sie die Schlafauswertung ihrer Smartwatch. „Nur 48 Minuten Tiefschlaf – kein Wunder, dass ich müde bin“, denkt sie. Dabei hatte sie sich eigentlich ausgeschlafen gefühlt. Ein typischer Fall, in dem Zahlen das eigene Empfinden überschreiben.

Was als Motivation begann, wird zur Belastung: „Irgendwann war jeder Tag ein Wettbewerb mit mir selbst“, erzählt Miriam. „Hatte ich mein Schrittziel nicht erreicht, fühlte ich mich schlecht.“

Was sagt die Medizin dazu?

„Fitness-Tracker können durchaus zu mehr Bewegung motivieren – das ist unbestritten“, sagt Dr. Philipp Becker, Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Leiter des Rückenschmerzpunkt Wien und Partner im Gesundheitspark Wien Speising.

Eine Meta-Analyse² mit 164.000 Teilnehmern zeigt, dass Menschen mit Trackern täglich rund 1.800 Schritte mehr gehen. Das entspricht etwa 40 Minuten zusätzlicher Bewegung – ein echter Gewinn für Gesundheit und Wohlbefinden! Eine australische Studie² belegt zudem, dass Senior*innen mit Schrittzählern seltener unter Rückenschmerzen leiden. Warum? Weil regelmäßige Bewegung die Muskulatur stärkt, die Wirbelsäule entlastet und Verspannungen vorbeugt.

Foto: James Orr - Unsplash

Gerade für Menschen mit Rückenschmerzen sieht er daher Potenzial: „Tracker erinnern daran, aktiv zu bleiben, Pausen einzulegen oder sich zu dehnen. Sie können helfen, ungünstige Bewegungsmuster aufzubrechen.“

In seiner Praxis setzt Becker auf eine bewusste Kombination aus Technologie und Eigenverantwortung. „Wir arbeiten ergänzend mit Bewegungstagebüchern. Sie fördern die Reflexion – ganz ohne digitalen Druck.“

Psychische Gesundheit nicht aus dem Blick verlieren

Jana Stögmüller, MSc., Klinische Psychologin im Gesundheitspark Linz, kennt die psychologischen Fallstricke aus ihrer Praxis nur zu gut: „Was als Unterstützung beginnt, kann schnell kippen – besonders bei Menschen mit hoher Selbstkritik oder psychischer Vorbelastung. Statt auf den Körper zu hören, wird alles über Daten geregelt.“

Ihr Ansatz: weniger Technik, mehr Achtsamkeit. „Manchmal reicht ein Zettel am Bildschirm, der an eine Pause erinnert. Das wirkt oft nachhaltiger als vibrierende Armbänder.“

Gerade im therapeutischen Kontext wird deutlich, wie stark digitale Helfer das Gefühl von Kontrolle, Leistung und Vergleich fördern können. „Wenn die Uhr mir sagt, ich habe heute nur 5.000 Schritte gemacht – obwohl ich einen fordernden Tag hatte – was macht das mit meinem Selbstwert?“ Der konstante Dateninput könne schnell zur Belastung werden, so Stögmüller. Besonders für Menschen, die ohnehin mit Perfektionismus oder hohem innerem Druck kämpfen.

Foto: Denise Chan - Unsplash

Ihr Appell: Der Einsatz von Wearables und Gesundheits-Apps sollte bewusst geschehen – mit einem klaren Ziel und der ehrlichen Frage: Brauche ich das wirklich – oder verliere ich dabei den Kontakt zu mir selbst?

Medizinisch sinnvoll – oder nur scheinbar?

Auch aus internistischer Sicht ist der Nutzen differenziert zu betrachten. Dr. Eva-Christina Krzizek, Internistin aus Wien und Teil des fachlichen Netzwerks im Gesundheitspark Herz-Jesu Wien, sieht vor allem im Bereich von Diabetes oder Adipositas Vorteile: „Moderne Sensoren ermöglichen kontinuierliche Blutzuckermessung – das ist für viele Patient*innen ein echter Fortschritt.“

Tatsächlich liefern Wearables vor allem bei der Herzfrequenz recht verlässliche Daten. So können seltene Herzrhythmusstörungen frühzeitig erkannt werden. Auch Pulsmessung oder Sauerstoffsättigung gelten als brauchbar. Eine korrekte Blutdruckmessung hingegen bleibt derzeit ärztlichen Geräten vorbehalten.

Krzizek warnt vor übertriebener Datengläubigkeit: „Die Genauigkeit vieler Geräte reicht für medizinische Diagnosen nicht aus. Und wer zu viel googelt, landet schnell bei Fehlinformationen. Das kann verunsichern.“

Ihr Fazit: Wearables können eine wertvolle Ergänzung sein – ersetzen aber keine medizinische Expertise.

Datenschutz: unterschätzt und oft ignoriert

Ein weiterer Aspekt, der leicht übersehen wird: der Schutz persönlicher Gesundheitsdaten. „Viele Wearables sind keine zertifizierten Medizinprodukte“, sagt Krzizek. „Die gesammelten Daten können zu Marketingzwecken genutzt werden – oft ohne klares Wissen der Nutzer*innen.“

Auch Stögmüller mahnt zur Vorsicht: „Gerade Menschen mit psychischer Belastung können das Gefühl entwickeln, permanent überwacht zu werden. Das schadet der Therapie – und dem Selbstbild.“

Foto: Dan Nelson - Unsplash

Zurück zur Mitte: Technik bewusst nutzen

Ob Bewegungstagebuch, Fokusmodus am Handy oder gezielte Gespräche mit Fachpersonen – der Weg zurück zu einem gesunden Umgang mit Technik beginnt mit Selbstreflexion.

Miriam hat für sich eine Entscheidung getroffen: „Ich nutze meine Uhr weiterhin – aber nur, wenn sie mir guttut. Nicht, wenn sie mir Druck macht.“


Fazit: Technik als Begleiter, nicht als Bestimmer

Wearables können Impulse setzen und helfen, gesündere Gewohnheiten zu etablieren. Doch sie brauchen eine klare Einbettung: in ärztliche Expertise, psychologische Begleitung – und vor allem in die eigene Intuition.

Foto: Ines Azevedo - Unsplash

5 Tipps für den gesunden Umgang mit Wearables

  1. Kenne dein Ziel
    Warum möchtest du ein Wearable nutzen? Klare Ziele helfen, den Fokus zu behalten – etwa mehr Bewegung oder besseren Schlaf.

  2. Wähle bewusst aus
    Nicht alles muss getrackt werden. Reduziere dich auf jene Funktionen, die dir wirklich nützen.


  3. Vertrau deinem Körpergefühl
    Daten sind ein Anhaltspunkt – kein Ersatz für die eigene Wahrnehmung.


  4. Leg Pausen ein
    Technikfreie Zeiten fördern Achtsamkeit. Gönn dir bewusste Erholungsphasen – ohne Bildschirm und Vibration.


  5. Hol dir fachliche Unterstützung
    Wenn du unsicher bist, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Therapeuten. Sie helfen dir einzuschätzen, was für dich sinnvoll ist.


Quellen:
¹ Statista. (2025). Wearables in Österreich.
² Becker, P. (2025, 2. April). Fitness-Tracker: Mehr Bewegung für einen gesunden Rücken. Rückenschmerzpunkt Wien.

Arten von Fitnesstrackern

  • Schrittzähler
    Misst Schritte, Distanz und geschätzten Kalorienverbrauch. Ideal für Einsteiger*innen.

  • Fitness-Armbänder & Smartwatches
    Erfassen zusätzlich Puls, Schlafphasen und Aktivitätsintensität.

  • Schlaftracker (z. B. als Ring)
    Unauffällig am Finger tragbar. Analysieren Schlafdauer und -qualität.

  • Haltungstracker
    Vibrieren bei Fehlhaltungen und fördern ergonomisches Sitzen – bei Bildschirmarbeit hilfreich.

  • Smarte Waagen
    Messen Gewicht, Körperfettanteil, Muskelmasse oder Wasserhaushalt – jedoch sehr ungenau.

Foto: Daniel Korpai - Unsplash

Was Wearables leisten können

  • Motivation zu mehr Bewegung

  • Besserer Überblick über Schlaf und Aktivität

  • Erinnerungen an Pausen, Flüssigkeitsaufnahme & Atemübungen

  • Frühwarnsysteme bei Auffälligkeiten (z. B. Herzrhythmus)

Worauf du achten solltest

  • Technik ersetzt keine medizinische Diagnostik

  • Nicht jedes Ziel passt zu jeder Lebensphase

  • Datenflut kann psychisch belasten

  • Datenschutz: immer prüfen, welche Informationen geteilt werden

Unser Tipp

Bevor du dich für ein Wearable entscheidest: Sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Therapeut*in. Gemeinsam lässt sich klären, ob ein Tracker dich sinnvoll unterstützen kann – oder ob weniger manchmal mehr ist.

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Autor
Alexandra Neureiter / Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
30.04.2025
Foto: Luke Chesser - Unsplash

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