Bandscheiben müssen viel ertragen
Erkrankungen der Bandscheiben können starke Schmerzen und sogar Lähmungen verursachen. Eine Operation ist selten erforderlich – bei bestimmten Krankheitsbildern jedoch unvermeidbar.
Angefangen hat alles vor etwa 4 bis 6 Millionen Jahren. Damals haben die Vorfahren des Menschen begonnen, sich dauerhaft auf zwei Beinen fortzubewegen. Das brachte viele Vorteile, etwa die Möglichkeit, die Hände zu benutzen.
Doch seitdem der menschliche Körper den schweren Kopf hauptsächlich über die Wirbelsäule balancieren muss, gehören Rückenschmerzen zu den typischen Begleiterscheinungen des aufrechten Gangs. Hinter diesen Beschwerden steckt manchmal eine Erkrankung der Wirbelsäule, der Bandscheibenvorfall und dessen Vorstufe, die Bandscheibenvorwölbung.
Probleme mit den „Stoßdämpfern“
Die Bandscheiben sind als „Stoßdämpfer“ Teil der Wirbelsäule. Sie bestehen zu etwa 80 % aus Wasser. Im gesunden Zustand werden sie von einem vorderen und einem hinteren Längsband in Position gehalten.
Quelle: SRF/Puls/Daniel Hilfiker, CC BY-SA 4.0
„Bei einer Bandscheibenvorwölbung ist das hintere Längsband intakt, aber die Bandscheibe wölbt sich in den Spinalkanal vor – also in den Raum, durch den die Nerven der Wirbelsäule verlaufen – und übt dort Druck aus“, erklärt DDr. Fabian Winter, Facharzt für Neurochirurgie im Gesundheitspark Göttlicher Heiland Wien sowie stellvertretender Leiter der Wirbelsäulenchirurgie an der Medizinischen Universität Wien im AKH. Beim Bandscheibenvorfall hingegen reißt das hintere Längsband. Das gallertartige Gewebe der Bandscheibe tritt aus und drückt auf die umliegenden Nerven.
„Das erste Anzeichen ist ein Schmerz entlang des Versorgungsgebiets des betroffenen Nervs“, erklärt DDr. Winter und fügt hinzu: „Abhängig von der Höhe, auf der der Bandscheibenvorfall auftritt, können verschiedene Hautareale oder Muskelgruppen von Sensibilitätsstörungen wie Taubheitsgefühlen oder Kribbeln betroffen sein.“ In schweren Fällen werden die Nerven so stark eingeengt, dass auch die motorische Funktion beeinträchtigt wird – Mediziner*innen sprechen dann von sogenannten „Paresen“.
Meist in der Lendenwirbelsäule
„Am häufigsten betroffen ist die Lendenwirbelsäule“, erklärt der Neurochirurg. Auch die Halswirbelsäule sei anfällig, speziell bei Fehlhaltungen. Die Brustwirbelsäule dagegen ist durch Rippen, Muskulatur und ihre Krümmung, mit der sie das Gewicht des Kopfes besser abfedern kann, gut geschützt. Deshalb treten dort Bandscheibenprobleme eher selten auf.
Zur Diagnose von Bandscheibenvorwölbung und -vorfall ist laut DDr. Winter die Magnetresonanztomographie (MRT) das Mittel der Wahl. Mit dieser Technik lassen sich sowohl das Bandscheibengewebe als auch die Nervenstrukturen sehr gut abbilden.
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Für die meisten Patient*innen sind konservative Therapiemaßnahmen wie eine Physiotherapie ausreichend.
Operation nur selten nötig
Bei nur etwa 8 % der Patient*innen, die die Praxis von DDr. Winter aufsuchen, ist eine Operation nötig. Ähnliches berichtet auch Judit Petes, MSc, Physiotherapeutin im Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Wien: „Bei acht von zehn Patient*innen ist keine Operation notwendig, sondern eine konservative Therapie entscheidend.“
Dazu gehören etwa Physiotherapie, Osteopathie, manuelle Therapieansätze oder auch Infiltrationen – also das Einspritzen von Wirkstoffen zur örtlichen Betäubung, das Mediziner*innen vorbehalten ist. Mit ihren etwas feineren Nadeln kann auch die Akupunktur helfen, wie DDr. Winter erklärt.
Ganzheitlich betrachtet
„Die konservative Therapie sieht für jede*n anders aus“, betont Petes. Manchmal reicht es nicht, nur den Bandscheibenvorfall zu behandeln – ein ganzheitlicher Ansatz ist gefragt. „Ich behandle viele Betroffene mit Problemen im inneren Gewebe, etwa im Dünndarm- oder gynäkologischen Bereich“, erklärt sie. Solche Beschwerden beeinflussen die Körperhaltung, was wiederum die Bandscheiben belastet und im schlimmsten Fall einen Bandscheibenvorfall begünstigt. In diesen Fällen muss auch das innere Gewebe therapiert werden.
Kein Grund für Beschwerden
Viele Bandscheibenvorfälle lösen übrigens gar keine Beschwerden aus. Diese „stummen“ Bandscheibenvorfälle werden oft zufällig bei Untersuchungen entdeckt. „Etwas, das keine Probleme verursacht, sollte auch nicht therapiert werden“, sagt DDr. Winter. Bandscheibenbeschwerden können sich zudem von selbst zurückbilden: „Das ausgetretene Bandscheibengewebe stirbt ab und schrumpft – wie eine Weintraube, die zur Rosine wird. Damit verschwindet auch der Druck auf den Nerv“, erklärt er.
Wann muss operiert werden?
Obwohl Bandscheiben-Operationen wie erwähnt relativ selten sind, gibt es Symptome, bei denen ein Eingriff unumgänglich ist:
Reithosen-Symptomatik: Eine Sensibilitätsstörung im Genital- und Gesäßbereich.
Inkontinenz: Ungewollter Abgang von Harn oder Stuhl.
Eine frisch aufgetretene motorische Funktionsstörung (Parese): Diese sollte innerhalb von 72 Stunden operativ behandelt werden, da die Wahrscheinlichkeit, die normale Muskelfunktion wiederzuerlangen, dann deutlich höher ist. Nach Ablauf dieses Zeitfensters wird individuell entschieden, ob ein operativer Eingriff noch sinnvoll ist.
Auch bei Eingriffen zur Schmerzlinderung müssen Nutzen und Risiko abgewogen werden. Operationen an der Lendenwirbelsäule erfolgen heute mikrochirurgisch oder mittels schonender Schlüsselloch-Technik. „ Die frühzeitige Mobilisation stellt für mich einen essenziellen Bestandteil moderner Behandlungsstrategien dar“, betont DDr. Winter. Bereits am Tag der Operation beginnen Patient*innen mit ersten Bewegungsübungen.
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Damit die Bandscheiben Flüssigkeit aufnehmen können, solltest du täglich ausreichend Wasser trinken.
Vorbeugung
Viele Faktoren, die einen Bandscheibenvorfall begünstigen können, lassen sich nur schwer oder gar nicht beeinflussen – etwa angeborene Fehlhaltungen, Verletzungen durch Stürze oder das fortschreitende Alter.
Bei anderen Ursachen hingegen besteht Handlungsspielraum: „Je stärker die Rückenmuskulatur ist, desto unwahrscheinlicher treten derartige Beschwerden auf, weil die Stabilität der Wirbelsäule durch die Muskeln erhöht wird“, erklärt DDr. Winter.
Auch Physiotherapeutin Petes empfiehlt regelmäßige Bewegung – langes Sitzen sollte vermieden werden – sowie Haltungsverbesserungen und ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze.
Im Alter sinkt außerdem der Wasseranteil der Bandscheiben. „Sehr wichtig ist es deshalb, genug Wasser zu trinken“, erklärt Petes. Denn wenn nicht genügend Wasser im Körper vorhanden ist, kann das Bandscheibengewebe beim Schlafen in liegender Position nicht genügend Flüssigkeit aufnehmen. „Für jedes 10 kg Körpergewicht sollten drei, vier Deziliter (ca. 300–400 ml) Wasser täglich getrunken werden“. Bei 75 kg Körpergewicht entspricht das etwa 2,5 l pro Tag.
Apropos Kilos: Übergewicht zu reduzieren ist ebenso ratsam, um die Wirbelsäule zu entlasten – genauso wie etwaige Warnsignale ernstzunehmen. Manche Patient*innen kommen mit einem sogenannten „Lendenwirbelsyndrom“ zur Physiotherapie, berichtet Petes. Hier kann präventiv gearbeitet werden, um einem Bandscheibenvorfall zuvorzukommen.
5 Tipps, die dir den Rücken stärken
Trainiere deine Muskulatur: Eine starke Rumpf- und Rückenmuskulatur erhöht die Stabilität deiner Wirbelsäule und kann Bandscheibenbeschwerden vorbeugen.
Bewege dich regelmäßig und vermeide langes Sitzen. Achte auch darauf, dass dein Arbeitsplatz ergonomisch gestaltet ist.
Trinke ausreichend Wasser: Für jedes 10 kg Körpergewicht ca. 300–400 ml pro Tag.
Ein gesundes Körpergewicht reduziert die Belastung auf deine Wirbelsäule.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten können zu einer dauerhaften Schutzhaltung führen und sich negativ auf deine Bandscheiben auswirken (siehe Infobox).
Einfluss von Unverträglichkeiten
Laut Physiotherapeutin Judit Petes ist auch ein eher unbekannter Zusammenhang beachtenswert: Nahrungsmittelintoleranzen wie Fruktose-, Casein- oder Laktoseintoleranz können dazu führen, dass der Körper eine Schutzhaltung einnimmt. Diese dauerhafte Belastung kann sich ebenfalls negativ auf die Bandscheiben auswirken.
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