Die Schilddrüse mischt überall mit
Sie sieht aus wie ein harmloser Schmetterling, fällt kaum auf und wird daher oft übersehen – bis sie aus dem Lot gerät. Die Schilddrüse ist an vielen Prozessen im Körper beteiligt. Dementsprechend wirken sich Erkrankungen der Schilddrüse auf den gesamten Organismus aus.
Die Schilddrüse ist ein kleines Organ mit vielen Funktionen. Sie nimmt Jod auf und produziert daraus Hormone, welche den Sauerstoffverbrauch, den Grundumsatz, die Kohlenhydrataufnahme und den Cholesterinstoffwechsel regulieren. Im Kindesalter sind Schilddrüsenhormone außerdem wichtig für das Wachstum und die geistige Entwicklung. Da sie auch die Psyche beeinflussen, können bei Erkrankungen der Schilddrüse psychische Symptome auftreten.
Wie Gesundheitspark-Expertin OÄ Dr. Larisa Imamovic, Fachärztin für Nuklearmedizin und Allgemeinmedizinerin, erklärt, „mischt die Schilddrüse überall ein wenig mit und spielt eine kleine, aber trotzdem wichtige Rolle“ in unserem Körper.
Unterfunktion
Zu wenige Schilddrüsenhormone
So vielfältig das Aufgabengebiet der Schilddrüse ist, so vielfältig sind auch die Beschwerden, die sie auslösen kann. Allein die Liste der Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion („Hypothyreose“) liest sich wie ein Lexikon unangenehmer Beschwerden:
Neben Müdigkeit und Leistungsschwäche als allgemeinen Symptomen können Depressionen, Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme bzw. keine Gewichtsabnahme trotz Diät, Haarausfall, Kälteempfindlichkeit, Impotenz, Zyklusstörungen, trockene Haut, brüchige Nägel oder Verstopfung auf diese Störung hinweisen.
„Eine Schilddrüsenunterfunktion kann mit gut verträglichen Medikamenten behandelt werden.“
OÄ. Dr. Larisa Imamovic,
Fachärztin für Nuklearmedizin und Allgemeinmedizinerin
Foto: Ordensklinikum Linz
Medikamentös gut zu behandeln
Die Unterfunktion zählt zu den meistverbreiteten Schilddrüsenerkrankungen. Frauen sind davon zehnmal so oft betroffen wie Männer. Die häufigste Ursache für eine Unterfunktion ist die Hashimoto-Thyreoiditis, eine chronische, entzündliche Schilddrüsenerkrankung, die durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems verursacht wird.
„Wir gehen davon aus, dass ungefähr 10–15 % der Bevölkerung Antikörper für die Hashimoto-Thyreoiditis haben“, erklärt Dr. Imamovic. Viele Menschen tragen diese Antikörper, ohne eine Unterfunktion zu entwickeln. Oft braucht es einen Auslöser, etwa Stress, eine Erkrankung oder eine Schwangerschaft, und die Beschwerden zeigen sich.
Zur Diagnose werden mehrere Schilddrüsenwerte im Blut bestimmt, darunter das TSH.
Das Kürzel TSH steht für Schilddrüsen („Thyroidea“) stimulierendes Hormon. Dieser Blutwert gibt erste Hinweise auf eine mögliche Schilddrüsenfehlfunktion. Je höher dieser Wert ist, desto weniger Schilddrüsenhormone befinden sich im Blut. Mithilfe des TSH-Werts können auch „schlafende“ Über- oder Unterfunktionen erkannt werden.
Die gute Nachricht: Eine Schilddrüsenunterfunktion kann mit gut verträglichen Medikamenten behandelt werden. „Bei Menschen über 65 Jahren und bei Kindern, die symptomfrei sind, kann bis zu einem TSH-Wert von bis zu 10 µU/ml abgewartet werden, bevor eine Therapie begonnen wird. Alle anderen erhalten bei nachgewiesener Schilddrüsenunterfunktion, die Symptome auslöst, ein Schilddrüsenhormon“, so Dr. Imamovic.
Überfunktion
Zu viele Schilddrüsenhormone
Schwieriger ist die Behandlung der selteneren Schilddrüsenüberfunktion („Hyperthyreose“). Diese Erkrankung äußert sich durch Aggressivität, Unruhe, Schlafstörungen, unerklärlichen Gewichtsverlust, Durchfall, vermehrtes Schwitzen, Herzrasen, hohen Blutdruck und – wie bei der Unterfunktion – auch durch Zyklusstörungen.
Das markanteste und offenkundigste Merkmal ist die im Rahmen der Autoimmunerkrankung Morbus Basedow auftretende „endokrine Orbitopathie“, die umgangssprachlich auch als „Glupschaugen“ bezeichnet wird. „Dabei reichern sich spezielle Antikörper hinter dem Augapfel an und führen dort zu Entzündungen“, erklärt Dr. Imamovic. Die Folge ist, dass die Augen hervortreten.
Morbus Basedow ist eine der häufigsten Ursachen für eine Schilddrüsenüberfunktion. Aber auch jodhaltige Kontrastmittel, „heiße Knoten“ und Schilddrüsenentzündungen können eine Überfunktion auslösen.
Medikamente mit Ablauffrist
Zur Behandlung der Überfunktion gibt es Medikamente, sogenannte „Thyreostatika“, von denen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels allerdings nur zwei Präparate auf dem Markt sind. Diese Medikamente können gravierende Nebenwirkungen nach sich ziehen. „Alle zwei Wochen sollten deshalb die Blut- und Leberwerte kontrolliert werden“, sagt Dr. Imamovic.
Diese Medikamente dürfen maximal zwei Jahre eingenommen werden, dann muss eine „definitive Therapie“ erfolgen.
Aus Über- wird Unterfunktion
Je nach Befund wird eine Radiojodtherapie oder eine Operation durchgeführt.
Bei der Radiojodtherapie wird die Schilddrüse mit radioaktivem Jod funktionell ausgeschaltet. Das Organ ist dann zwar noch vorhanden, arbeitet aber nicht mehr. Diese Behandlung wird in ausgewählten Krankenhäusern durchgeführt, etwa im Ordensklinikum Linz.
Nicht alle Patient*innen können mit Radiojod therapiert werden. Wenn die oben erwähnten Glupschaugen auftreten, besteht die Gefahr, dass sich bei einer Radiojodtherapie die Augenprobleme bis hin zum Sehverlust verschlechtern. Dann bleibt nur eine Operation, bei der die gesamte Schilddrüse entfernt wird. Die dadurch entstehende Unterfunktion wird anschließend wie eine „normale“ Unterfunktion mit den praktisch nebenwirkungsfreien und gut verträglichen Medikamenten behandelt.
Das Hervortreten der Augen kann nach der Operation übrigens besser werden, muss aber nicht verschwinden. Alle anderen Beschwerden verschwinden mit dem Entfernen der Schilddrüse.
Zwei Stück Paranüsse am Tag unterstützen die Funktion der Schilddrüse.
Vorsicht bei Kontrastmitteln
„Bei der Überfunktion muss man vorsichtig sein bei Kontrastmitteln, die bei einer Computertomografie oder bei einer Venenuntersuchung verabreicht werden“, betont Dr. Imamovic. Denn diese enthalten Jod und die Schilddrüse ist das einzige Organ, das dieses Spurenelement verwerten kann. Wenn man zu viel Jod zuführt, kann sich die Überfunktion verschlechtern.
Weitere Erkrankungen der Schilddrüse
Schilddrüsenentzündung: Infekt auf Wanderschaft
Eine subakute Schilddrüsenentzündung („Thyreoiditis de Quervain“) tritt zwei bis drei Wochen nach einem Infekt im Hals-Nasen-Ohren-Bereich auf. Die Betroffenen klagen über Schmerzen im Bereich der Schilddrüse, die in den Kieferbereich ausstrahlen. Hinzu kommen Schluckprobleme sowie Schwellungen und Rötungen. Meist kommt es zu Beginn auch zu einer Überfunktion. „Es ist jedoch wichtig, dass Betroffene keine Medikamente zur Behandlung der Überfunktion erhalten, sondern eine Therapie mit nicht steroidalen Antirheumatika, die entzündungshemmend und schmerzstillend wirken, wie den Wirkstoff ‚Diclofenac‘. Je nach Ausprägung kann zusätzlich eine Kortisontherapie erforderlich sein“, erklärt Dr. Imamovic.
Kropf, Knoten und Schilddrüsenkrebs
Ein Drittel der österreichischen Bevölkerung hat Schilddrüsenknoten, umgangssprachlich auch „Kropf“ genannt. Diese können mittels Ultraschalls und Szintigrafie gut beurteilt werden.
Eine Szintigrafie ist eine nuklearmedizinische Untersuchungsmethode. Dabei bekommen Patient*innen eine minimale und unbedenkliche Dosis eines radioaktiven Stoffes injiziert. Dieser Stoff verhält sich wie Jod und wird in die Schilddrüse aufgenommen. Dadurch können unterschiedliche Gewebe sichtbar gemacht werden – wichtig für die Diagnose von Schilddrüsenerkrankungen.
Heiße Knoten sind aktiver und produzieren mehr Hormone als das restliche Schilddrüsengewebe. Sie sind in der Regel nicht bösartig.
Kalte Knoten verhalten sich nicht wie normales Schilddrüsengewebe und müssen ab einer Größe von einem Zentimeter und auffälligem Ultraschallbefund per Feinnadelbiopsie abgeklärt werden.
Doch Dr. Imamovic beruhigt: „Nur etwa sieben Prozent der kalten Knoten sind bösartig. Insgesamt kommt Schilddrüsenkrebs selten vor und macht weniger als ein Prozent aller Krebsfälle aus.“ Auch Schilddrüsenkrebs wird operativ behandelt. Oft erfolgt dabei die komplette Entfernung des Organs. Je nach Art des Schilddrüsenkrebses kann nach der Operation noch eine zusätzliche Radiojodtherapie erforderlich sein.
Die Schilddrüse schützen
Die Schilddrüse mag keinen Stress, dafür aber Spurenelemente. Es gibt zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel mit Selen oder Zink. „Diese Spurenelemente kann man aber auch auf natürlichem Wege zuführen“, erklärt Dr. Imamovic. „Zwei Stück Paranüsse am Tag decken den Tagesbedarf an Selen ab. Haferflocken und Nüsse sind reich an Zink.“ Zusätzlich sollte auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D3, Eisen und Omega-3-Fettsäuren geachtet werden.
Spezielle Diäten für die Schilddrüse sind hingegen unnötig. „Online kursieren Empfehlungen für eine Glutendiät“, sagt Dr. Imamovic und fügt hinzu: „Menschen mit Autoimmunerkrankungen haben zwar ein höheres Risiko, an Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) zu leiden. Wer jedoch keine Zöliakie hat, soll sich ganz normal ernähren. Diese Diäten haben für diese Menschen keinen Vorteil.“
Fünf Tipps für eine gesunde Schilddrüse
Bei unklaren Symptomen sollte an eine Schilddrüsenerkrankung gedacht werden, insbesondere, wenn in der Familie bereits entsprechende Erkrankungen aufgetreten sind.
Ein Blutbild gibt meist erste Hinweise darauf, ob die Beschwerden mit der Schilddrüse zusammenhängen.
Stress möglichst reduzieren, da dieser Autoimmunerkrankungen begünstigt, die wiederum die Schilddrüse in Mitleidenschaft ziehen können.
Zur Entlastung der Schilddrüse helfen zwei Paranüsse pro Tag. Diese decken den Selenbedarf ab.
Zusätzlich liefern Haferflocken und Nüsse das nötige Zink.
Mildere Variante
Von Unter- und Überfunktion gibt es eine „latente“ bzw. „schlafende“ Form, bei der die Symptome milder ausgeprägt sind. Auch bei einer latenten Unterfunktion ist eine medikamentöse Therapie sinnvoll.
Blutspenden bei Unterfunktion
Theoretisch könnten die Antikörper von Hashimoto-Patient*innen bei einer Blutspende übertragen werden. In der Praxis ist dies meist unproblematisch, da sie schnell abgebaut werden und in der Regel keine Autoimmunerkrankung bei den Empfänger*innen auslösen. Deshalb dürfen auch diese Menschen Blut spenden, sofern ihre Erkrankung stabil ist und sie medikamentös gut eingestellt sind. Dies ist jedoch immer mit den Mediziner*innen der Blutbank abzuklären.
Unerfüllter Kinderwunsch
Schilddrüsen- und Sexualhormone beeinflussen sich gegenseitig. Eine Über- oder Unterfunktion kann sich daher negativ auf die Empfängnis auswirken. Wenn sich der Kinderwunsch nicht erfüllen lässt, ist eine Untersuchung der Schilddrüse zu empfehlen.
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