Die unterschätzte Rolle der Menstruation
Der Oktober steht im Zeichen der Frauengesundheit – und damit auch im Zeichen der Menstruation. Für viele bedeutet sie Schmerzen, Einschränkungen und Unsicherheit. Doch nur wer versteht, was im Körper wirklich passiert, kann Beschwerden einordnen, gezielt handeln und frühzeitig Hilfe suchen.
Die erste Blutung, Unsicherheit im Teenageralter. Monat für Monat Stimmungsschwankungen, Bauchschmerzen oder Müdigkeit. Später Hitzewallungen und Schlaflosigkeit.
Der weibliche Körper ist ständig im Wandel: Hormone, Emotionen und körperliche Prozesse greifen ineinander. Meist unsichtbar, fast immer unterschätzt. Drei Expertinnen* und Experten* beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und zeigen Wege zu mehr Lebensqualität.
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Mama, ich blute! Die erste Periode ist ein prägender Moment auf dem Weg vom Mädchen zur jungen Frau.
Mehr als „einmal im Monat Bauchweh“
„Die Menstruation ist ein natürlicher Vorgang, der meist zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr beginnt“, erklärt OA Dr. Christian Reinwald, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Gesundheitspark Göttlicher Heiland Wien. „Beginnt sie vor dem 10. Lebensjahr oder bleibt sie dem 16. aus, sollte das ärztlich abgeklärt werden.“
In Österreich liegt das Durchschnittsalter bei der ersten Regelblutung bei 13,8 Jahren, die Dauer im Schnitt bei rund fünf Tagen.1 Ein Zyklus dauert im Schnitt 28 Tage. Und schwankt zwischen 24 und 38 Tagen. „Die erste Blutung kann eine große Rolle für Jugendliche spielen – auch für das eigene Körperbild“, sagt Psychotherapeutin Dagmar Baschinger vom Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz. Hormonelle Veränderungen und die Umstrukturierung des Gehirns wirken sich stark auf Selbstwahrnehmung und Psyche aus.
Quelle: Gesundheitsportal Österreich (Gesundheit.gv.at)
Hormone im Zusammenspiel
„Damit der Zyklus reibungslos abläuft, braucht es ein fein abgestimmtes Zusammenspiel der ‚gynäkologischen‘ Hormone“, erklärt Dr. Reinwald:
FSH (follikelstimulierendes Hormon): regt die Eizellen im Eierstock zum Reifen an.
LH (luteinisierendes Hormon): löst den Eisprung aus.
Östrogen: baut die Gebärmutterschleimhaut auf.
Progesteron: bereitet sie auf eine mögliche Schwangerschaft vor.
Auch die Schilddrüse wirkt wie ein Taktgeber. „Eine Fehlfunktion – sei es eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse – kann zu Zyklusstörungen führen: von unregelmäßigen oder ausbleibenden Blutungen bis hin zu eingeschränkter Fruchtbarkeit“, ergänzt OA Dr. Doris Reinwald-Jaksche, Fachärztin für Viszeral- und Allgemeinchirurgie am Krankenhaus Göttlicher Heiland Wien.
HINWEIS: Bei Kinderwunsch ist eine stabile Schilddrüsenfunktion besonders wichtig – ein ausgeglichener Hormonhaushalt mit einem TSH-Wert von etwa 2,0 gilt als optimal.
Was du selbst tun kannst
Hormone lieben Regelmäßigkeit: moderate Bewegung, erholsamer Schlaf und eine nährstoffreiche Ernährung mit Jod und Selen sind wichtig (Achtung: besonders bei veganer Ernährung). Stress dagegen bringt das System schnell aus dem Gleichgewicht.
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Die Schilddrüse liegt unterhalb des Kehlkopfes vor der Luftröhre und hat die Form eines Schmetterlings.
Wenn die Periode zur Belastung wird
Bis zu 70 Prozent aller Frauen erleben während ihrer Periode mittelstarke bis sehr starke Schmerzen.1 Doch nur ein Teil sucht ärztliche Hilfe, weil Beschwerden oft als „normal“ abgetan werden.
Fakt ist aber: Starke Regelschmerzen sind nicht normal.
„Schmerzen, die über leichte Beschwerden hinausgehen, gehören abgeklärt. Dahinter kann eine Endometriose stecken“, betont Reinwald. Viele Betroffene geraten in einen Kreislauf: Schmerzen führen zu Angst und die Angst verstärkt die Schmerzen. „Der Körper hat ein Schmerzgedächtnis. Frauen fürchten schon die nächste Blutung, lange bevor sie einsetzt“, erklärt Baschinger.
Periodenfrei – geht das überhaupt?
Ja. Mit Langzyklus-Pillen, Hormonspirale oder anderen Präparaten lässt sich die Blutung reduzieren oder aussetzen. Das kann enorm entlasten, muss aber individuell ärztlich abgeklärt werden (Vorerkrankungen, Risikoprofil, Kinderwunsch).
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In Österreich leidet mindestens jede fünfzehnte Frau an Endometriose, die Dunkelziffer liegt noch höher. Trotz hoher Betroffenenzahlen bleibt diese oft jahrelang unerkannt. Bis zur Diagnose vergehen im Schnitt sieben Jahre.2
Parallel wächst auf Social Media eine Bewegung, die das Schweigen bricht: Unter Hashtags wie #periodpositivity oder #endometriosisawareness teilen Frauen ihre Erfahrungen, zeigen Periodenprodukte oder sprechen offen über Schmerzen. Für Expertin Baschinger ist diese Entwicklung ein wichtiger Schritt: „Offenheit ist entscheidend – nicht nur online, sondern auch in Familien, Schulen und im Job. Je mehr wir darüber sprechen, desto mehr sinkt der Leidensdruck.“
Neben dem Umgang mit Schmerzen spielt auch Vorsorge eine Schlüsselrolle in der Frauengesundheit.
HPV-Impfung – Vorsorge zählt
In Österreich erkranken jedes Jahr 800 Menschen an HPV-bedingten Krebsarten wie Gebärmutterhals-, Anal-, Kopf-Hals- und Genitalkrebs.3
Die HPV-Impfung schützt zuverlässig vor krebsauslösenden Humanen Papillomaviren. Sie ist Teil des Kinderimpfprogramms und aktuell bis zum 30. Geburtstag kostenlos. Wer die 1. Dosis bis 31. Dezember 2025 erhält, bekommt die zweite bis 30. Juni 2026 gratis.4
Gynäkologe Dr. Reinwald empfiehlt: „Impfen, impfen, impfen – Männer wie Frauen.“
Foto: Mathurin Napoly – Unsplash
Der beste Zeitpunkt der HPV-Impfung ist vor den ersten sexuellen Kontakten, doch die Impfung ist auch später noch sinnvoll.
Mehr als Hitzewallungen
Die Wechseljahre beginnen meist zwischen 45 und 55 Jahren und verlaufen in vier Phasen:5
Prämenopause:
Erste Veränderungen, unregelmäßige Zyklen oder leichte Beschwerden.
Perimenopause:
Die Zeit rund um die letzte Regelblutung ist geprägt von Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen.
Menopause:
Zeitpunkt der letzten Periode und damit der Beginn der Unfruchtbarkeit. Im Durchschnitt sind Frauen bei ihrer letzten Regelblutung 51 Jahre alt.
Postmenopause:
Beginnt ein Jahr nach der letzten Blutung. Die Hormonproduktion ist dauerhaft gesunken und der Hormonhaushalt kommt wieder zur Ruhe.
„Diese Phase kann enorm belasten, weil Frauen beruflich und privat meist noch voll gefordert sind“, weiß Gynäkologe Dr. Reinwald. „Ob Hormonersatztherapie, pflanzliche Präparate oder Akupunktur – wichtig ist eine individuell passende Therapie.“
Psychotherapeutin Dagmar Baschinger beschreibt die Wechseljahre auch als psychologische Schwellenzeit: „Der Körper macht Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Gleichzeitig verändern sich Werte und Bedürfnisse, und Sinnfragen treten in den Vordergrund: Wie möchte ich mein Leben künftig gestalten?“
Viele Frauen leiden zusätzlich unter Ängstlichkeit, Schlafproblemen oder depressiven Verstimmungen. „Gesundheitswissen hat auch mit psychischer Gesundheit zu tun“, betont die Psychotherapeutin. „Wer versteht, in welchem Zustand er sich gerade befindet, kann besser mit sich umgehen.“
WICHTIG: Um Ursachen abzuklären, ist eine ärztliche Abklärung unerlässlich.
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Auch hormonelle Störungen wie eine Schilddrüsenfehlfunktion können die Psyche belasten, etwa durch Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder depressive Symptome.
Offenheit statt Tabu
Schmerzen und Erschöpfung beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit. Trotzdem bleibt die Menstruation in manchen Lebensbereichen (noch) ein stilles Thema.
„Zyklusstörungen oder starke Blutungen können enorm belasten. Klare Strukturen und flexible Modelle können Betroffenen helfen“, weist Reinwald hin. Baschinger ergänzt: „Wenn wir im Job nicht offen über Beschwerden sprechen dürfen, steigt der Druck zusätzlich. Eine Kultur der Normalität kann Frauen spürbar entlasten.“
Spanien hat 2023 ein Recht auf Menstruationsurlaub bei starken Schmerzen eingeführt. Auch in Österreich bewegt sich etwas: In Schulen, Einkaufszentren und Krankenhäusern gibt es mittlerweile kostenlose Periodenprodukte. Im Arbeitsalltag aber bleibt das Thema „Menstruation“ oft noch tabu.
Verständnis füreinander ist der Hebel
Unsere Expertinnen* und Experten* sind überzeugt: Gesundheit lässt sich nur ganzheitlich begreifen. Werden Körpersignale ernst genommen und offene Gespräche ermöglicht, können Entlastung, wirksame Prävention und nachhaltige Unterstützung im Alltag gelingen.
„Verständnis für dich selbst ist die Basis, Verständnis füreinander der entscheidende Hebel“, so Dagmar Baschinger.
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Fünf Tipps für mehr Verständnis & Selbstfürsorge
1. Den Zyklus im Blick behalten
Ob Tagebuch oder App: Wer Muster kennt, versteht den eigenen Körper besser und kann gezielt mit Ärztinnen* und Ärzten* sprechen.
2. Schmerzen ernst nehmen
Starke Regelschmerzen oder ungewöhnliche Blutungen sind kein Schicksal. Eine Abklärung – auch mit Blick auf Endometriose – ist wichtig.
3. Offen sprechen
Ob in der Beziehung, mit Freund*innen, Familie oder im Job: Wer Beschwerden anspricht, senkt den Druck und schafft Verständnis.
4. Den Lebensstil nutzen
Bewegung, ausgewogene Ernährung, guter Schlaf und Stressmanagement wirken direkt auf den Hormonhaushalt und helfen ins Gleichgewicht zu kommen.
5. Vorsorgen statt nachsorgen
HPV-Impfung, Vorsorgeuntersuchungen und regelmäßige Kontrollen senken Risiken und erleichtern es, Erkrankungen früh zu erkennen.
Quellen
1) Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK), Menstruationsgesundheitsbericht Österreich 2024 – www.sozialministerium.at
2) Medizinische Universität Wien, Schätzungen zur Prävalenz von Endometriose in Österreich, 2025 – www.meduniwien.ac.at
3) Ordensklinikum Linz, Impfung und innovative Art der Vorsorge gegen HPV-bedingten Krebs, 2025 – www.ordensklinikum.at
4) Gesundheit Österreich, Österreichisches Impfprogramm / HPV-Impfaktion, 2025 – www.gesundheit.gv.at
5) Österreichische Apothekerkammer, Die 4 Phasen der Wechseljahre und ihre Symptome, 2025 – www.apothekerkammer.at
Wo du mehr erfahren kannst
Menstruationsgesundheitsbericht Österreich 2024
Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: www.sozialministerium.at
Endometriose Vereinigung Austria (EVA)
Informationen und Veranstaltungen: www.eva-info.at
Die 4 Phasen der Wechseljahre
Erste Anzeichen, Phasen und Begleiterscheinungen: www.apothekerkammer.at
Menopause
Häufige Symptome: www.oegg.at
Human Papillomavirus (HPV)
Fakten und Prävention: www.gemeinsam-gegen-hpv.at
Österreichisches Impfprogramm
Infos zur HPV-Impfung: www.gesundheit.gv.at
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