Schluck für Schluck weniger trinken
Viele Menschen versuchen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren. Unter Schlagworten wie „Sober October“ oder „Dry January“ wird sogar zum kompletten Verzicht aufgerufen. Eine nachhaltige Möglichkeit, sein Trinkverhalten zu ändern, sind sogenannte „Konsumkontrollprogramme“.
Die Generation Z trinkt angeblich nicht mehr, so die Aussage vieler Medien. Auch wenn das zumindest global betrachtet nicht ganz der Wahrheit entspricht (siehe Infobox „Alkohol & Generationen“), ist ein Trend zu weniger Alkoholkonsum durchaus erkennbar.
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Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für weniger Alkohol oder alkoholfreie Alternativen.
„Laut Statistiken zeigt sich, dass sich der Konsum in der allgemeinen erwachsenen Bevölkerung von Mitte der 1990er-Jahre bis 2020 reduziert hat. Seither ist er stabil. Bei den Jugendlichen kann man die Tendenz der Reduktion weiterhin beobachten“, erklärt Judith Brenneis (LINK: Experteneintrag). Die Mediatorin, Familien- und Suchtberaterin, Traumapädagogin und Trainerin für Konsumkontrollprogramme nach Dr. Joachim Körkel unterstützt Menschen auf ihrem Weg zu weniger oder keinem Konsum.
Sozialer Kitt und Beziehungskiller
Alkohol ist mehr als „nur“ ein Rauschmittel und erfüllt auch eine soziale Funktion. „Er gehört zum Feiern dazu, sei es das Bier im Fußballstadion oder die edlen Weine, der Sekt oder der Champagner, mit denen angestoßen wird“, erklärt Brenneis. „Dieser Konsum ist mit vielen positiven, außergewöhnlichen und guten Gefühlen verbunden.“ Doch die Trainerin betont: „Das sind die Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir entscheiden müssen und dürfen, wie wir konsumieren.“
Wie viel ist zu viel?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen seit einigen Jahren, am besten gar keinen Alkohol zu trinken.1 „Hinfort gespült“ sind also die Zeiten, als noch ein, zwei Gläschen Wein pro Tag als halbwegs „bedenkenlos“ galten.
Anstelle solcher Richtlinien appelliert Brenneis, das eigene Verhalten zu reflektieren.
„Alkohol ist ein Zellgift und belastet den Körper. Jeder Mensch sollte sich überlegen: Ich habe diesen einen Körper. Was will ich ihm zuführen, um alle meine Vorstellungen, die ich so von meinem Leben habe, damit in Einklang zu bringen?“, sagt die Expertin und ergänzt: „Welche positive Wirkung erwarte ich mir vom Konsum? Es ist durchaus legitim zu sagen: Ja, dieser Rauschzustand ist angenehm.“ Doch gilt es auch immer, die Situationen zu beachten. Denn oft ist Nüchternheit essenziell, etwa im Straßenverkehr.
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Der bewusste Umgang mit Alkohol beginnt mit den Fragen: Warum trinke ich? Welche Wirkung erwarte ich mir davon? Und welche Folgen blende ich aus?
Beziehungssache
Es gibt Stimmen, die den Rückgang des Alkoholkonsums nicht uneingeschränkt positiv sehen, sondern ihn auch mit einem Rückgang sozialer Aktivitäten in Verbindung bringen. „Ich verstehe den Gedanken, weil er irgendwie beinhaltet, dass menschliche Begegnungen und damit auch die Trinksituationen weniger werden. Diese Sichtweise lässt allerdings viel aus“, erklärt Brenneis. „Meine gedankliche Hypothese kann nicht sein, dass Menschen nur zusammenkommen, um zu trinken. Wenn das so wäre, wäre das ein sehr bedauerlicher Befund darüber, wie wir unser Zusammensein gestalten.“
Als Gegenargument zitiert die Expertin die Harvard-Studie zur Glücksforschung. Deren wichtigstes Ergebnis: Glücklich machen uns vor allem menschliche Beziehungen. „Und was ist der Beziehungskiller Nummer eins? Alkohol“, so Brenneis.
„Ich begrüße alles, was das Bewusstsein für das eigene Alkoholkonsumverhalten stärkt.“
Judith Brenneis,
Mediatorin, Familien- und Suchtberaterin, Traumapädagogin und Trainerin für Konsumkontrollprogramme nach Dr. Joachim Körkel
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Vorteile durch weniger Alkohol
Welche Vorteile eine Reduktion des Alkoholkonsums mit sich bringt, ist laut Brenneis „sehr individuell“. Einige ihrer Kund*innen berichten euphorisch von gesundheitlichen Veränderungen. „Sie lassen nach einer gewissen Zeit ein Blutbild machen und stellen fest, dass sich die Werte innerhalb kurzer Zeit verbessert haben.“ Ebenso ändert sich die Wahrnehmung, schildert Brenneis: „Viele erzählen, dass sie viel klarer mitbekommen, was sich in ihrem Leben abspielt". Die innere Unruhe und oft auch das schlechte Gewissen fallen auch weg, speziell bei Personen, die bereits angefangen haben, versteckt zu trinken.
Kein abrupter Stopp
Jede*r siebte Österreicher*in zeigt einen problematischen Umgang mit Alkohol. Ziel eines Konsumkontrollprogramms nach Dr. Joachim Körkel ist eine schrittweise Reduktion des Alkoholkonsums. Das kann, muss aber nicht, in eine strikte Abstinenz führen. Etwa ein Drittel der Teilnehmer*innen trinkt danach überhaupt keinen Alkohol mehr, auch wenn das gar nicht das erklärte Ziel war.
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Ein Alkoholentzug kann bei einer Alkoholabhängigkeit gesundheitliche Risiken bergen und sollte medizinisch oder therapeutisch begleitet werden.
Ein radikaler Entzug ist jedoch nicht zielführend oder sogar gefährlich. „Professionelle Suchtberater*innen würden niemals zu Menschen mit einer Alkoholproblematik sagen: Hören Sie einfach zu trinken auf. Denn bei Alkoholentzug sind auch epileptische Anfälle möglich, die sogar tödlich enden können“, betont Brenneis.
Der erste Schritt
Menschen, die eine Alkoholreduktion in Erwägung ziehen, melden sich am besten direkt bei ausgebildeten Trainer*innen.2 Sie erfahren dort alles über den Ablauf. Um über die eigenen körperlichen und psychischen Voraussetzungen Bescheid zu wissen, ist ein persönliches Gespräch mit einer Ärzt*in, Psycholog*in oder Psychotherapeut*in hilfreich. Die Kund*innen von Frau Brenneis legen ihr daher vor Beginn des Programms eine Bestätigung über ein solches Gespräch vor. (siehe Infobox „Eignungsfeststellung“)
Das Konsumkontrollprogramm
Zu Beginn wird noch nicht an einer Veränderung gearbeitet, sondern das Ausgangsverhalten aufmerksamer und differenzierter beobachtet. „Wann, wo, mit wem konsumiere ich was und wie viel? Wie geht es mir da?“ Erst nach den ersten Terminen definieren Betroffene ihre Ziele.
„Welche Konsummenge möchte ich nicht überschreiten? An welchen Tagen möchte ich konsumfrei bleiben? “, skizziert Brenneis einige der Fragen, die gemeinsam erarbeitet werden.
Das Programm umfasst etwa 10 bis 12 Sitzungen. Dazwischen protokollieren die Teilnehmenden ihren Alkoholkonsum. Jede Beratung basiert auf einem Handbuch, in dem es unter anderem darum geht, wie Betroffene Belastungen erkennen und angehen können, welche Möglichkeiten es gibt, mit Stress umzugehen, und welche Strategien zielführend sind. „Das sind die Grundlagen, dank derer ich Personen dabei begleiten kann, sich selbst besser kennenzulernen“, sagt Brenneis.
Gemeinsam wird erörtert, in welchen Situationen oder an welchen Tagen die Konsumkontrolle gut bzw. weniger gut funktioniert und an welchen „Schrauben“ noch „gedreht“ werden kann.
„In der letzten Sitzung machen wir einen gemeinsamen Ausblick“, erklärt Brenneis. Die Teilnehmer*innen entscheiden selbst, wie es weitergeht. Es wird individuell vereinbart , ob beispielsweise weiterhin ein Tagebuch geführt wird oder nach ein paar Monaten ein Evaluierungsgespräch stattfindet.
Mehr Bewusstsein
Um einen maßvollen Umgang mit Alkohol zu erreichen, ist es wichtig, schon früh anzusetzen. „Alles, was Kinder stärkt, die Resilienz fördert und junge Heranwachsende dabei unterstützt, selbst vernünftige Entscheidungen zu treffen, ist hilfreich“, betont Brenneis.
Aktionen wie den „Sober October“ oder den „Dry January“ sieht die Trainerin positiv. „Ich begrüße alles, was das Bewusstsein für das eigene Alkoholkonsumverhalten stärkt.“
Konsumkontrolle: Übersicht
Erster Schritt: Kontaktaufnahme bei Trainer*in.
Eignungsfeststellung bei Ärzt*in, Psychotherapeut*in oder Psycholog*in.
Beginn des Programms: Ist-Situation wird beobachtet.
In weiterer Folge werden Ziele definiert.
Teilnehmer*in führt Tagebuch über den Alkoholkonsum.
In der Beratung wird der Alkoholkonsum reflektiert.
Gemeinsamer Ausblick am Ende: Die Teilnehmer*in entscheidet, wie es weitergeht.
Alkohol und Generationen
Laut einer Studie eines Marktforschungsinstituts der globalen Getränkeindustrie3 haben die „Babyboomer“ ihren Alkoholkonsum am stärksten eingeschränkt. Zu dieser Generation zählen Menschen, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden. 71 Prozent von ihnen gaben an, in den letzten sechs Monaten Alkohol konsumiert zu haben – zwei Prozent weniger als vor drei Jahren. Damit übertrifft sie sogar die Abstinenz der „Gen Z“. Übrigens: Weltweit trinken Menschen weniger, doch in Schwellenländern wie China und Indien steigt der Konsum.
Eignungsfeststellung
Zusammen mit einer Ärzt*in, Psychotherapeut*in oder Psycholog*in prüft die Person selbst, ob sie körperlich und psychisch geeignet ist, an einem Alkohol-Konsumkontrollprogramm teilzunehmen. Eine relative Gegenanzeige könnte etwa eine Schwangerschaft sein, eine alkoholsensible Medikation, alkoholsensible Vorschädigungen oder anderes. Dieser Klärungsprozess mit einer weiteren Fachperson kann vor allem dabei helfen, sich im späteren Verlauf des Programms individuell passgenaue Ziele zu setzen.
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