Was Laboranalysen über uns erzählen
Laboranalysen gelten mittlerweile als wesentlicher Bestandteil der personalisierten Medizin. Sie können helfen, Beschwerden auf den Grund zu gehen oder gezielt vorzubeugen. Gemeinsam mit unseren Expertinnen* und Experten* zeigen wir, was moderne Labordiagnostik leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und warum ein fundierter Blick nach innen oft mehr Klarheit bringt als jede neue Gesundheitsroutine.
Wenn wir über Gesundheit sprechen, wird ein Organ erstaunlich oft vergessen: der Darm. Dabei ist er mit Abstand unser größtes Organ – größer als die Haut – und deutlich mehr als ein Verdauungsrohr. Seine riesige Oberfläche bildet ein hochkomplexes Stoffwechsel- und Schutzsystem: Grenzkontrolle, Nährstoffzentrale und Kommunikationsknotenpunkt in einem.
Rund 70 Prozent der Immunzellen sitzen hier. An der Darmwand wird entschieden, welche Stoffe hineindürfen und welche draußen bleiben. Wird diese Barriere geschwächt, geraten Immun-, Hormon- und Nervensystem schnell aus dem Gleichgewicht.
Das Darm-Mikrobiom: Der Schlüssel unserer inneren Balance
Im Zentrum dieses Systems steht eine Welt, die wir weder sehen noch fühlen können: das Darm-Mikrobiom, unser inneres Ökosystem.
„Das Mikrobiom ist kein netter Mitbewohner, der nur bei der Verdauung hilft“, erklärt Ernährungsberaterin Mag.ª Christine Pasterk vom Gesundheitspark Wien Speising, „sondern ein Mikrokosmos aus Milliarden von Bakterien, Pilzen und Viren, der lebenswichtige Funktionen für uns erfüllt und im Austausch mit unserem Körper steht.“
Es wiegt rund zwei Kilogramm, besitzt 150-mal mehr Gene als wir selbst und produziert Energie, Hormone, Vitamine und Botenstoffe des Nervensystems – darunter rund 70 Prozent des „Glückshormons“ (Serotonin), das uns entspannt, fokussiert und stabil hält.
Wenn das System kippt: Beschwerden, die leise beginnen
Darmprobleme melden sich selten eindeutig. Viele gewöhnen sich an häufige Blähungen, ständige Müdigkeit oder eine diffuse Unruhe im Bauch. „Man sagt, dass über 60 Prozent der Menschen zumindest eine Beeinträchtigung im Magen-Darm-Bereich haben“, so Pasterk. „Das Problem ist: Vieles wird lange als ‚normal‘ abgetan. Über Blähungen oder Durchfälle spricht man nicht gern.“
Am häufigsten treten auf:
chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Gastritis
Wird die Darmbarriere überlastet, kann sie zu durchlässig werden – ein Zustand, der als „Leaky Gut“ bekannt ist. Dann können unverdaute Nahrungsbestandteile, Bakterien und Toxine in den Blutkreislauf gelangen. Das löst heftige Reaktionen des Immunsystems aus und Beschwerden tauchen auf, die wir nicht mehr mit dem Bauch verbinden:
Asthma
Gelenksentzündungen
Autoimmunerkrankungen
Migräne
Konzentrationsstörungen und „Brain Fog“
depressive Verstimmungen
Hautprobleme
„Viele suchen die Ursache ihrer Probleme in den Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten“, sagt Pasterk. „In Wirklichkeit sind diese nur das Symptom, dass im Darm etwas völlig aus der Balance geraten ist.“
Die gute Nachricht: Im Gegensatz zu echten Allergien (IgE), die i.R. lebenslang bleiben, verschwinden Unverträglichkeiten oft wieder, wenn man für die Regeneration des Mikrobioms und der Schleimhaut sorgt. Umso wertvoller ist ein präziser Blick nach innen.
Foto: Tatiana - iStock
Warum Diagnostik heute so wichtig ist
„Um die 70 Prozent aller medizinischer Diagnosen beruhen ganz oder teilweise auf Laborergebnissen“, erklärt Allgemeinmediziner Dr. Gernot Kriegshäuser von IHR LABOR 1010. Für ihn beginnt nachhaltige und verantwortungsvolle Prävention mit dem Erheben des Ist-Zustands.
„Ich halte nichts davon, Vitamine, Hormone oder Mineralstoffe ‚auf Verdacht‘ zu nehmen“, betont er. „Vor der Einnahme sollte überprüft werden, ob tatsächlich ein Mangel oder eine Unterversorgung vorliegt.“ Gerade bei fettlöslichen Vitaminen (A, D, E, K) bzw. vitaminähnlichen Substanzen (z.B. Coenzym Q10) und Hormonen warnt er vor unkontrollierter, langfristiger Einnahme. Diese Stoffe können sich im Gewebe anreichern und dort Probleme verursachen.
Laboranalysen liefern also nicht nur Zahlen. Sie helfen einzuordnen: Wo besteht wirklicher Handlungsbedarf und wo nicht?
Blut, Stuhl, DNA: Drei Analysen, die besonders viel sagen
Drei Analysebereiche sind in der Praxis besonders relevant: Stoffwechsel/Blutwerte, Darm-Mikrobiom und Nutrigenetik.
1) Blutwerte & Stoffwechsel: Wenn der Körper zeigt, was ihm fehlt
Blutanalysen gehören zu den verlässlichsten Werkzeugen in der Medizin, um Stoffwechselvorgänge sichtbar zu machen. Sie zeigen unter anderem …
ob Entzündungen aktiv sind.
wie Leber und Niere arbeiten.
wie Zucker- und Fettstoffwechsel eingestellt sind.
ob Vitamine oder Mineralstoffe fehlen.
Für Dr. Gernot Kriegshäuser sind sie die Basis jeder seriösen Abklärung. Ergänzend setzt er auf Vollblut-Mineralanalysen, die auch intrazelluläre Werte erfassen und somit ein umfassenderes Bild liefern, welches entscheidende Hinweise bei Erschöpfungszuständen, Leistungsabfall oder Infektanfälligkeit liefern kann.
Bei Bedarf prüft er Schwermetalle wie Blei oder Nickel, etwa bei Raucher*innen oder in Regionen mit alten Wasserleitungen.
„Mit einem Blutwert findest du heraus, ob etwas nicht passt“, fasst er zusammen. „Mit weiterführenden Analysen kannst du dann auf Ursachensuche gehen.“
Foto: Anirudh Uiwuteqroes - Unsplash
2) Mikrobiomanalysen: Der Blick in unsere innere Landschaft
Moderne DNA-basierte Mikrobiomanalysen zeichnen heute ein detailliertes Bild des Darmökosystems. Sie zeigen …
welche Bakterien dominieren oder fehlen,
ob toxische Stoffwechselprodukte gebildet werden,
wie gut Nährstoffe verarbeitet und Vitamine gebildet werden und
ob Hinweise auf ein Leaky Gut, Neurotransmitter, uvm. vorhanden sind.
Als Darmexpertin nutzt Mag.ª Christine Pasterk unter vielen anderen diese Analysen, um die Ursachen von Reizdarm, Unverträglichkeiten, Brain Fog oder Infektanfälligkeit besser zu verstehen und um die Ernährung und den Alltag darauf abzustimmen. Ob diese Analysen sinnvoll sind, hängt vom einzelnen Fall ab und den individuellen Fragestellungen.
Auch Dr. Gernot Kriegshäuser betont: „Das Darm-Mikrobiom ist individuell. Ein Wert außerhalb der Norm ist nicht notwendigerweise schlecht – entscheidend sind die Verhältnisse und das Gesamtbild. Die isolierte Betrachtung von Laborbefunden ist selten hilfreich.“
Für ihn steht das Mikrobiom daher am Ende einer Abklärung: „Ich setze es ein, wenn klassische Diagnostik (Laboruntersuchungen, Ultraschall, Magen-Darmspiegelung) und funktionelle Unverträglichkeitstests keine klaren Hinweise liefern. Oder wenn jemand einfach ganz bewusst präventiv tiefer einsteigen möchte.“
3) Nutrigenetik (Ernährungsgenetik): Wie Gene bestimmen, was dir guttut
Während sich das Darm-Mikrobiom aufgrund äußerer Einflüsse (Alter, Ernährungsgewohnheiten, Medikamente) verändern kann, bleibt die genetische Basis stabil. Nutrigenetische Tests zeigen etwa …
wie gut jemand Koffein abbaut.
wie effizient Vitamin D verwertet wird.
wie der Körper auf Salz reagiert.
welche Mikronährstoffverteilung langfristig sinnvoll sein kann.
ob Umweltgifte effizient neutralisiert und ausgeschieden werden können.
„Die Interpretation nutrigenetischer Befunde ist weniger aufwändig, und es gibt mehr Vergleichsdaten als beim Darm-Mikrobiom“, sagt Kriegshäuser. „Sie ist für mich eine Art lebenslange Navigationshilfe: etwas, das du einmal im Leben machst und das dann viele Jahre Orientierung gibt.“
An einem Beispiel macht er es fest: „Ich gehöre zu jener Gruppe, die Koffein schlecht verstoffwechselt. Für mich heißt das: maximal ein bis zwei Tassen Kaffee pro Tag, und die besser am Vormittag. Andere können am Abend noch Espresso trinken – das ist, neben den unterschiedlichen Lebensgewohnheiten, auch genetisch bestimmt. Genau solche Dinge kann Nutrigenetik sichtbar machen.“
Aber auch diese Aussagen wären laut Pasterk relativ. Die Epigenetik, also die Lehre davon, wie Umwelt und Lebensstil die Umsetzung unserer genetischen Möglichkeiten beeinflussen, zeigt uns immer deutlicher, dass es auch hier einen großen Spielraum gibt.
Foto: Nathan Dumlao - Unsplash
Wenn Laborwerte allein nicht reichen
Moderne Diagnostik kann viel: Sie ermöglicht eine präzisere Einschätzung des individuellen Bedarfs, deckt mögliche Mängel auf und hilft unklare Beschwerden einzuordnen. Doch so hilfreich diese Daten sind, sie ersetzen keine ärztliche Einschätzung und keine professionelle Ernährungsberatung durch Expertinnen* und Experten*.
Vor allem Internet- oder Apothekentests erzeugen häufig seitenlange Befundberichte, die ohne Einordnung kaum verständlich sind. Wer versucht, diese Werte allein zu interpretieren, läuft Gefahr, falsche Schlüsse zu ziehen – von unnötiger Verunsicherung bis hin zur Angst vor schweren Erkrankungen.
„Diese Selbsttests sind per se nicht schlecht“, sagt Kriegshäuser. „Problematisch wird es, wenn niemand da ist, der die Ergebnisse einordnet. Sonst landet man schnell wieder bei Doktor Google und am Ende steht dort fast immer das Wort ‚bösartig‘.“
Viele Patient*innen kommen mit umfangreichen Ausdrucken in seine Praxis und vermeintlich schlechte Werte stellen sich in der Zusammenschau als nicht aussagekräftig heraus. „Sehr oft muss ich Patient*innen beruhigen und sagen: ‚Das ist nichts‘ – davor waren die Betroffenen wochenlang verunsichert“, erzählt er.
„Selbsttests können hilfreich sein, vor allem, um sich eines möglichen gesundheitlichen Problems bzw. Risikos bewusst zu werden. Aber die Grenzen sind klar: Am Ende braucht es jemanden, der die Ergebnisse wirklich beurteilen kann und aufzeigt, wie diese Befunde einzuordnen und welche weiteren Schritte notwendig sind.
Foto: iStock - wutwhanfoto
Was möchte ich eigentlich wissen?
Spätestens hier stellt sich eine einfache, aber entscheidende Frage: Und jetzt?
Ich habe mich getestet und weiß einiges über mich. Aber was möchte ich mit diesem Ergebnis anfangen?
Mag.ª Christine Pasterk rät, bevor man Geld in komplexe Analysen investiert, drei Punkte ehrlich zu beantworten:
1. Was sind meine Beschwerden?
Habe ich „nur“ gelegentliches Bauchgrummeln –oder seit Monaten Blähungen, Durchfälle, Bauchschmerzen, Brain Fog oder anhaltende Müdigkeit? Wie sehr schränkt mich das im Alltag ein?
2. Was möchte ich herausfinden?
Suche ich eine grobe Orientierung („Fehlt mir etwas?“) – oder brauche ich eine tiefergehende Abklärung, weil sich trotz erster Untersuchungen keine Ursache findet?
3. Was bin ich bereit zu verändern?
„Vom Testen allein wird nichts besser“, sagt Pasterk. Die Ergebnisse sind nur sinnvoll, wenn du bereit bist, Ernährung, Essverhalten und Lebensstil langfristig anzupassen.
Die Ernährungsberaterin warnt davor, Laboranalysen als schnellen Ausweg zu sehen: „Viele hoffen auf einen Wert, der alles erklärt. In Wirklichkeit geht es darum, Zusammenhänge zu verstehen und dann Schritt für Schritt ins Tun zu kommen.“
Deshalb legt die Expertin nahe, individuell zusammengestellte Untersuchungen statt fixer Internet-Pakete zu wählen. Die Kosten sind oft dieselben, aber die Aussagen liefern gezielt Antworten zu den individuellen Fragestellungen.
Die Auswahl der zu ermittelnden Werte sollte immer zu deinen Beschwerden passen. Nur dann entstehen konkrete Empfehlungen, mit denen du im Alltag wirklich etwas anfangen kannst.
Foto: Pablo Merchan - Unsplash
Vom Befund zum Alltag
„Der wichtigste Schritt für mehr Wohlbefinden im Alltag ist Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Essen als etwas zu sehen, das dich nährt und nicht als etwas, das du nebenbei in dich hineinstopfst“, betont Pasterk. Kriegshäuser ergänzt: „Ernährung ist neben Bewegung einer der stärksten Hebel zur Gesundheitsvorsorge.“
Laboranalysen schaffen Klarheit in einer Zeit, in der viele mit Müdigkeit, Stress oder Verdauungsproblemen kämpfen. Blut, Stuhl, Gene – sie alle erzählen eine Geschichte. Doch die eigentliche Kunst liegt darin, diese Geschichte richtig zu lesen.
Fünf Tipps zur Durchführung von Laboranalysen
1. Vorher klären, was du wissen willst.
Laboranalysen sind am hilfreichsten, wenn du davor definierst, welche Fragen sie beantworten sollen und ob du bereit bist, die Empfehlungen später auch umzusetzen.
2. Lass dich beraten – unbedingt.
Selbsttests sind nur dann sinnvoll, wenn du die Ergebnisse anschließend mit einer fachkundigen Person (Arzt/Ärztin oder Diätologin/Diätologe) besprichst. Erst dadurch erhalten die Werte ihre tatsächliche Aussagekraft.
3. Werte nie isoliert betrachten.
Ein einzelner auffälliger Parameter sagt wenig. Aussagekräftig wird ein Befund erst im Gesamtbild und im Zusammenhang mit Beschwerden, Alltag und Vorgeschichte.
4. Keine Supplemente „auf Verdacht“ nehmen.
Vor allem fettlösliche Vitamine und Hormone können sich im Körper anreichern. Deshalb gilt: Nur bei nachgewiesenem Mangel/Unterversorgung oder unter medizinischer/diätologischer Begleitung supplementieren.
5. Achtsamkeit und Ernährung als Therapie verstehen.
Was, wie und wann du isst, beeinflusst Mikrobiom, Stoffwechsel und Immunsystem oft stärker als jede Tablette. Eine bewusste Essroutine ist einer der nachhaltigsten Hebel.
Was das Mikrobiom schwächt
„Bakterien leben von wasserlöslichen Ballaststoffen“, erklärt Pasterk. „Wenn wir sie nicht genug füttern, kippt das System und es kommt zu Fäulnis.“
Alltagsfaktoren, die das Gleichgewicht des Darm-Mikrobioms beeinflussen:
zu viel Weißmehl
zu wenig Ballaststoffe
verarbeitete Lebensmittel
chronischer Stress
Schlafmangel
Bewegungsmangel
All das lässt die guten Darmbakterien verhungern.
Ähnliche Beiträge zu diesem Thema
gesundheitspark, onkologie, krebs, forschung, seele, körper, psyche