Wie Kinder Lernprobleme überwinden können
Lernschwierigkeiten haben viele Gesichter – von Konzentrationsproblemen über Sprachstörungen bis hin zu übermäßigem Leistungsdruck. Manchmal sind es die Rahmenbedingungen, die den Weg zu besseren Noten erschweren. Die gute Nachricht: Oft helfen einfache Maßnahmen.
Beim Lernen bilden sich im Gehirn neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen und bestehende Verbindungen werden verstärkt. Um Wissen dauerhaft zu erwerben, müssen auch bestimmte Voraussetzungen gegeben sein – und die werden zunehmend zum Problem.
Denn immer mehr Kinder leiden unter Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie unter Stress. Eine der Ursachen: die mediale Reizüberflutung.
„Mittlerweile gibt es Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass diese Defizite auch mit dem Bewegungsmangel zusammenhängen“, erklärt Mag. Michaela Marschall, Dipl. Lebens- und Sozialberaterin bei Meine Wegbegleiter aus dem Gesundheitspark Göttlicher Heiland Wien.
Hören, sprechen, lesen und verstehen
Eine weitere Lernbeeinträchtigung verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff der auditiven Verarbeitungsstörung. Betroffene können dabei gehörte Informationen nicht richtig verarbeiten und wahrnehmen, obwohl das Gehör normal funktioniert.
Einige Kinder entwickeln auch Spracherwerbsstörungen in den Bereichen Wortschatz, Grammatik und/oder Aussprache.
„Die auditive Verarbeitungsstörung und Spracherwerbsstörungen sind zwei unterschiedliche Störungsbilder, die parallel auftreten können, aber nicht müssen”, erklärt Catharina Eidherr, BEd, Logopädin im Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz und ergänzt: „Spracherwerbsstörungen zeigen sich meist viel früher, noch bevor eine auditive Verarbeitungsstörung diagnostiziert werden kann.”
Sowohl die auditive Verarbeitungsstörung als auch Spracherwerbsstörungen (einschließlich überwundener) haben häufig eine Lese-Rechtschreibstörung zur Folge. Diese kann von Logopädinnen und Logopäden behandelt werden. Gleiches gilt auch für die Rechenstörung („Dyskalkulie“), bei der Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen haben.
Um eine Lese-Rechtschreibschwäche oder eine Rechenstörung zu diagnostizieren, müssen unter anderem der Intelligenzquotient, aber auch eventuell zugrunde liegende psychische Probleme – etwa unangemessener Leistungsdruck – berücksichtigt werden. Nach der Diagnose kann gezielt an den Fähigkeiten gearbeitet werden.
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Als beste Motivation gilt die „intrinsische“, also jene aus eigenem Antrieb.
Freiheit vs. Kontrolle
Der Erziehungsstil beeinflusst ebenfalls den Lernerfolg. Dabei ist die Gratwanderung zwischen Kontrolle und Freiheit für die Eltern besonders schwierig zu meistern. „Wenn es egal ist, ob und wie das Kind lernt, dann fehlt die Struktur. Wenn es zu kontrolliert ist, lernt das Kind nur, um die Eltern zufriedenzustellen. Das ist kontraproduktiv, vor allem im Hinblick auf die späteren Lebensjahre des Kindes“, beschreibt Eidherr die beiden Gegenpole.
„Manche Kinder benötigen viel Struktur, andere weniger. Das ist selbst bei Geschwistern sehr unterschiedlich ausgeprägt“, sagt auch Sonder- und Heilpädagogin und Psychotherapeutin Mag. Michaela Cilensek. Sie berät Familien unter anderem im Förderzentrum Linz der Gesellschaft für ganzheitliche Förderung und Therapie OÖ.
„Wir beobachten, dass sich Eltern zunehmend davor scheuen, ihre Kinder zu frustrieren. Sie setzen weniger Grenzen. Das kann auch die Ursache für viele unterschiedliche Schwierigkeiten sein, die in der frühen Kindheit auftreten“, sagt Mag. Cilensek. Dazu zählen Trennungsängste, Zwänge, mangelnde Anstrengungsbereitschaft oder sogar Schulverweigerung.
„Diese Eltern haben oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst und dazu gehört auch, dass sie nicht verantwortlich dafür sein möchten und es auch schwierig finden, das Kind traurig oder wütend zu sehen. Das wirkt sich allerdings negativ auf das Selbstwertgefühl des Kindes aus“, erklärt Mag. Cilensek und ergänzt: „Wenn Eltern ihre Kinder unter eine ‚Glasglocke‘ stellen, suggerieren sie unbewusst: ‚Du schaffst das nicht, ich trau dir das nicht zu‘. Wir versuchen daher, die Eltern so zu stärken, dass sie es aushalten, wenn das Kind traurig, frustriert oder wütend ist.“
Die andere Seite ist übermäßiger Druck von Eltern und Bezugspersonen, der oft auch unbewusst an das Kind weitergegeben wird. „Das ewige ‚Jetzt mach schon‘ führt meist zu noch mehr Unlust“, betont Mag. Marschall.
Manchmal lernen wir doch nur für die Schule
Viele der oben genannten Lernprobleme manifestieren sich im Kindergarten. Also in jener Lebensphase, in der Kinder zum ersten Mal auf viele Gleichaltrige treffen. „Manche haben dann Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen Kindern“, schildert Mag. Cilensek. „Oft fehlt ihnen die sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Dann wird ein Kind schnell wütend, weil es nicht verstanden wird.“ Die Dominanz englischsprachiger Inhalte in den sozialen Medien leistet ebenfalls einen Beitrag zu diesen Kommunikationsproblemen.
Darunter leidet auch die Motivation. „Ich glaube nicht, dass ein Kind ohne Neugier zur Welt kommt. Aber es kann diese eines Tages verlieren“, sagt Mag. Cilensek. Mit Spaß, Anregungen und kleinen Erfolgserlebnissen kehrt die Freude am Lernen wieder zurück.
Als beste Motivation gilt die „intrinsische“, also jene aus eigenem Antrieb. Im Idealfall sehen die Kinder einen Sinn hinter dem Gelernten – auch wenn wir alle aus leidvoller Erfahrung wissen, dass Unterrichtsstoff und persönliches Interesse nicht immer deckungsgleich sind.
Lernen lernen
Für den Lernerfolg ist auch eine geeignete Lernumgebung notwendig. Diese sollte laut Eidherr möglichst frei von Ablenkungen (TV, Smartphone etc.) sein. Zudem empfiehlt die Logopädin und Pädagogin, gezielt Pausen einzuplanen, am besten in der Natur – oder gleich im Freien zu lernen. Wichtig sei auch, den Lernstoff zu strukturieren, realistische Lernziele zu setzen und das Gelernte gemeinsam zu besprechen, um Unklarheiten zu klären. „Teilerfolge des Kindes sollten von den Eltern auch bewusst gelobt werden“, so Eidherr.
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Ruhig und ablenkungsfrei lernt es sich am besten.
Hilfreich kann es auch sein, verschiedene Lernmethoden auszuprobieren. „Manche Kinder lernen besser, wenn sie den Stoff aufschreiben. Andere, wenn sie ihn in ein Diktiergerät sprechen und sich anhören. Wieder andere visualisieren den Lernstoff“, sagt Mag. Marschall.
Prüfungsangst
Tests, Prüfungen und Schularbeiten zählen zu den unangenehmeren Momenten der Schulzeit. Viele Kinder leiden im Vorfeld sogar unter psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen.
Eine der besten Maßnahmen gegen Prüfungsangst ist es, sich gut vorzubereiten, wie Eidherr betont. Bei Prüfungssituationen kann auch ein kleiner Talisman einen guten Beistand leisten. „Bei Kindern funktioniert das sehr gut, wenn sie ein kleines Stofftier, eine Spielfigur oder ein Armband dabeihaben“, erzählt Mag. Marschall. Hilfreich sind auch gewisse Bilder- und Gedankenspiele, Atemübungen und Klopftechniken – oder sich kurz vor der Prüfung mit Fragen zu beschäftigen, die gar nichts mit dem Prüfungsstoff zu tun haben.
Es gibt mehr als eine richtige Antwort
Lernschwierigkeiten treten in vielfältiger Form auf. Ebenso unterschiedlich sind die Möglichkeiten, sie zu überwinden – von der logopädischen Therapie, über die Eltern-Kind-Beratung bis zum Familiencoaching. Wichtig ist, dass sich Eltern frühzeitig Unterstützung holen, wie Mag. Cilensek betont.
Die gute Nachricht ist, dass oft schon einfache Maßnahmen helfen können.
Um etwa die eingangs erwähnten Defizite bei Aufmerksamkeit und Konzentration bei Kindern auszugleichen, arbeitet Mag. Marschall mit ausgebildeten Therapiehunden. Sehr gut funktioniert dieser tiergestützte Therapieansatz bei der Leseförderung, erklärt Marschall: „Da gibt es große Erfolge, weil überhaupt kein Druck auf die Kinder ausgeübt wird. Die Hunde kritisieren nicht, sie sind perfekte Zuhörer.“
Wichtig ist auch ein gutes Zusammenspiel zwischen Eltern und Schule. „Es gibt viele Lehrerinnen und Lehrer, die es schaffen, die Kinder zu motivieren und auch Freude am Lernen zu vermitteln“, erklärt Mag. Marschall. Ein neuer und für sie sehr lobenswerter Ansatz sei außerdem das Tutor*innen-System, das an ausgewählten Schulen angeboten wird. Dabei helfen ältere Schüler*innen den jüngeren und geben schulische „Überlebenstipps“ auf Augenhöhe und am kurzen Weg. „Dieses System nimmt Kindern und Jugendlichen extrem viel Stress ab. Oft ersparen sie sich dadurch auch die Nachhilfe“, so Mag. Marschall.
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Jugendliche schleppen einen Rucksack voller Themen mit sich mit.
Orientierung in einer schwierigen Phase
Gerade in der Pubertät sei es zudem wichtig, den Kindern und Jugendlichen wertschätzend gegenüberzutreten, so Mag. Marschall und ergänzt: „Die haben genügend Themen, mit denen sie in dieser Phase beschäftigt sind. Sie müssen sich selbst finden. Da hilft es nicht, wenn sie immer nur kritisiert werden.“
Neun „sehr gute“ Lerntipps:
Schränke den Medienkonsum deines Kindes ein und sorge für ausreichend Bewegung, um Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefiziten vorzubeugen.
Setze klare Grenzen und erlaube deinem Kind, negative Gefühle wie Frustration zu erleben und zu verarbeiten.
Strukturiere gemeinsam mit deinem Kind den Lernstoff.
Setze realistische Lernziele.
Lobe Teilerfolge, um die Motivation zu stärken und zeige auch Wertschätzung, wenn es in der Schule nicht so gut läuft.
Schaffe eine ablenkungsfreie Lernumgebung und plane regelmäßige Pausen ein – am besten in der Natur.
Probiere verschiedene Lernmethoden aus, um herauszufinden, welche für dein Kind am besten funktioniert.
Hilf deinem Kind, Prüfungsangst zu überwinden, indem du mit ihm lernst. Ein kleiner Talisman (Stofftier, Armband etc.) kann als moralische Unterstützung dienen.
Hol dir frühzeitig Hilfe, wenn dein Kind Lernschwierigkeiten hat. Mögliche Anlaufstellen sind Elternberatungsangebote und die Logopädie.
Die vier Meilensteine der Sprachentwicklung
Vom ersten Wort zu komplexen Satzstrukturen:
Erste Wörter (ca. 10-18 Monate): Kinder beginnen, erste Wörter zu sprechen.
Zweiwortphase (ca. 18-24 Monate): Kinder beginnen, zwei oder mehr Wörter zu kombinieren, um einfache Sätze zu bilden. Wenn ein Kind mit 24 Monaten noch keine Zweiwortkombinationen beherrscht und weniger als 50 Wörter spricht, handelt es sich um einen „Late Talker“, was auf eine mögliche Spracherwerbsstörung hinweist.
Mehrwortsätze (ca. 2-3 Jahre): Kinder entwickeln die Fähigkeit, vollständige Sätze zu bilden und beginnen, einfache grammatikalische Strukturen zu verwenden. Sie erweitern ihren Wortschatz auf etwa 800 bis 900 Wörter und können die grundlegenden grammatikalischen Regeln ihrer Muttersprache anwenden.
Komplexere Satzstrukturen (ab ca. 3 Jahren): Kinder beginnen (viele) Fragen zu stellen und bilden Haupt- und Nebensätze. Sie können nun auch vergangene und zukünftige Ereignisse sprachlich ausdrücken und sich argumentativ mitteilen.
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