Zurück ins Leben nach einem Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall, der blitzschnelles Handeln erfordert. Die verschiedenen Formen haben unterschiedliche Ursachen und der Verlauf eines Schlaganfalls ist individuell variabel – doch für jeden Schlaganfall gilt: je schneller die Behandlung beginnt, desto größer sind die Chancen auf eine erfolgreiche Rehabilitation.
Beim Schlaganfall führt eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns oder eine Einblutung in das Gehirn zu einer Schädigung von Nervenzellen und somit zum Ausfall von bestimmten Hirnfunktionen.
Der ischämische Schlaganfall ist die häufigste Form des Schlaganfalls und macht etwa 80 bis 85 % aller Fälle aus. Er wird durch eine Blockade (z. B. durch ein Blutgerinnsel) einer das Gehirn versorgenden Arterie verursacht, die den Blutfluss unterbricht. Meist sind ältere Menschen betroffen.
Beim hämorrhagischen Schlaganfall reißt hingegen ein Blutgefäß im Gehirn. Dies führt zu einer Blutung und einer Schädigung des Hirngewebes. Ursachen für diese Art des Schlaganfalls sind z. B. ein deutlich erhöhter Blutdruck oder Gefäßmissbildungen, von denen auch jüngere Menschen betroffen sein können.
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Die Rehabilitation beginnt bereits auf der Schlaganfall-Spezialstation.
Schnell, schneller, FAST
Egal, um welche Form von Schlaganfall es sich handelt – das Motto lautet „Time is brain“, wie OÄ Dr. med. Sophie Sauerbruch, Fachärztin für Neurologie im Gesundheitspark Herz-Jesu Wien, erklärt.
Mit fortschreitender Zeit sinkt die Chance, Hirngewebe durch eine Therapie zu retten, die die Ursache der Schädigung behandelt. Auch die Rehabilitation beginnt bereits auf der Schlaganfall-Spezialstation, der sogenannten „Stroke Unit“, in einem darauf spezialisierten Krankenhaus. „Je früher die Patient*innen dorthin kommen, desto günstiger auch für die weiterführende Rehabilitation“, betont Dr. Sauerbruch.
Um möglichst schnell Hilfe zu bekommen, ist es wichtig, die Anzeichen eines Schlaganfalls zu erkennen. „Leider kann sich ein Schlaganfall sehr unterschiedlich äußern, je nachdem, welche Hirnregionen betroffen sind“, sagt Dr. Sauerbruch.
Es gibt aber typische Anzeichen: halbseitige Lähmungserscheinungen, etwa ein hängender Mundwinkel und/oder ein Arm, der nicht mehr richtig gehoben werden kann. Außerdem kann es zu Sprachstörungen kommen, bei denen die Betroffenen plötzlich Schwierigkeiten hat, die richtigen Worte zu finden bzw. aus- oder nachzusprechen. Bei einer Sprechstörung ist eine undeutliche (verwaschenen) Sprache auffällig (siehe Infobox „Der FAST-Test“).
Unterschiedliche Ursachen und Therapien
Im Krankenhaus erhalten die Patient*innen eine Magnetresonanz- oder Computertomografie, um die Art des Schlaganfalls zu ermitteln. „Das Gehirn ist immer noch ein großes Rätsel“, sagt die Neurologin Dr. Selina Haas aus dem Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz und führt weiter aus: „Es gibt immer wieder auch Fälle mit Patient*innen, die halbseitig hochgradige Lähmungserscheinungen zeigen und man in der Computer- oder Magnetresonanztomografie nur einen kleinen Punkt sieht, und es gibt Menschen, die zeigen riesige Infarkte in der Computertomografie und haben so gut wie keine neurologischen Ausfälle.“
Je nach Ursache wird der Schlaganfall unterschiedlich behandelt. „Bei einem Schlaganfall aufgrund einer Durchblutungsstörung gibt es in der Frühphase die Möglichkeit, das Blutgerinnsel mit Medikamenten aufzulösen. Vor allem bei Verschlüssen größerer Gefäße kann auch eine Katheter-gestützte Intervention notwendig sein, um den Blutfluss wiederherzustellen“, sagt Dr. Sauerbruch. „Wenn das optimal gelingt, können sich Ausfälle manchmal sogar vollständig zurückbilden.“
„Das Gehirn ist immer noch ein großes Rätsel“, sagt Neurologin Dr. Selina Haas.
Auch die Behandlung einer Hirnblutung ist individuell. Ist ein erhöhter Blutdruck die Ursache, wird er mit entsprechenden Medikamenten gesenkt. In manchen Fällen ist eine Operation notwendig, um den Druck, der durch die Blutung entstanden ist, zu verringern, oder um mittels Drainage aufgestautes Nervenwasser abzuleiten.
Und danach?
Ist der Gesundheitszustand der betroffenen Person stabilisiert, werden zwei Ziele verfolgt: Die durch den Schlaganfall verursachten neurologischen Ausfälle zu reduzieren und einen erneuten Schlaganfall möglichst zu verhindern.
1) Neurologische Ausfälle reduzieren
In vielen Fällen beginnt die Rehabilitation bereits im Krankenhaus. Wenn möglich, wird am Krankenbett an der Rumpfstabilität gearbeitet, dann folgen erste Stehversuche.
Wenn der Arm, insbesondere die Hand, von Ausfällen betroffen ist, erhalten die Patient*innen ergotherapeutische Unterstützung.
„Es gibt Schlaganfälle, bei denen nur die Sprache betroffen ist. Diese werden logopädisch behandelt“, berichtet Dr. Haas. Bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen wird mit physiotherapeutischen Maßnahmen gearbeitet, um diese Einschränkungen einzudämmen. Gleiches gilt für Lähmungserscheinungen, bei denen laut Dr. Haas „immer wieder versucht wird, Bewegungen zu initiieren“.
Manche Patient*innen entwickeln eine Spastik und verkrampfen etwa die Hand zu einer Faust, die sie nicht mehr öffnen können. In diesem Fall kommt Botulinumtoxin zum Einsatz – ein Nervengift, das in bestimmte Muskeln injiziert wird und die verkrampften Muskeln für ca. drei Monate entspannt. „Das ist auch für die Pflege wichtig, weil sich sonst Entzündungen an der Handinnenfläche entwickeln können“, erklärt Dr. Haas.
Ein Schlag auch für die Psyche
Gerade wenn die Ausfälle stark ausgeprägt sind, ist ein Schlaganfall für viele Betroffene ein Schockerlebnis, das auch psychisch verarbeitet werden muss. Liegt eine sogenannte Post-Stroke-Depression vor, kann diese medikamentös und mit psychologischer Unterstützung behandelt werden.
Ist zum Beispiel der Arm aufgrund einer Halbseitenlähmung nur schwer beweglich, dann empfinden einige Patient*innen, dass dieser nicht mehr zu ihrem Körper „gehört“. Diese Aufmerksamkeitsstörung wird Neglect genannt und betrifft oft auch die Beine oder eine ganze Körperhälfte. Sie kann psychische Ursachen haben, aber auch mit den geschädigten Hirnarealen zusammenhängen.
Diese Aufmerksamkeitsstörung wird unter anderem mit einem sensomotorischen Training behandelt. Um beim Beispiel des Arms zu bleiben: der oder die Therapeut*in versucht den Arm vorsichtig mit einem Igelball zu stimulieren. Der betroffene Arm wird außerdem wieder bewusst ins Blickfeld gerückt. Danach versucht der oder die Patient*in, den Arm anzusteuern.
„Häufig verbessert sich nach einem Schlaganfall zunächst die Grobmotorik“, weiß Dr. Sauerbruch. Das heißt, Oberarm und Schulter können besser kontrolliert werden, aber die Feinmotorik der Hand ist zunächst noch sehr schwach. „Die Funktion bessert sich oft sozusagen von oben nach unten“, so Dr. Sauerbruch.
Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall erfordert Geduld und Mitarbeit. Übungen müssen über einen langen Zeitraum konsequent durchgeführt werden. „Es geht nicht darum, wieder genauso zu leben wie vorher, sondern den Umständen entsprechend so gut wie möglich“, sagt Dr. Sauerbruch. Am wichtigsten sind die ersten sechs Monate nach dem Schlaganfall.
Im besten Fall bilden sich die Ausfälle zurück. „Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass bei einem größeren Schlaganfall leider manchmal eine Restsymptomatik zurückbleibt“, so Dr. Sauerbruch.
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Blutdruckwerte müssen regelmäßig kontrolliert werden.
2) Erneuten Schlaganfall verhindern
Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind unerlässlich, um das Risiko eines erneuten Schlaganfalls zu verringern. Blutdruck- und Cholesterinwerte werden in der Hausarztpraxis regelmäßig kontrolliert und medikamentös eingestellt. Gleiches gilt für die Blutzuckerwerte, wenn ein Diabetes vorliegt. Bei einem Schlaganfall, der vom Herzen ausgegangen ist (z. B. durch Vorhofflimmern), kann eine entsprechende stärkere Blutverdünnung erforderlich sein. Komplexere Herzrhythmusstörungen müssen von einer Kardiologin oder einem Kardiologen abgeklärt werden.
Viele Patient*innen erhalten auch eine Ernährungsberatung. Laut den aktuellen Leitlinien wird eine mediterrane Mischkost empfohlen. Sie zeichnet sich durch viel Obst und Gemüse, moderate Mengen an Fisch und Milchprodukten sowie gesunde pflanzliche Fette wie Nüsse und Olivenöl aus. Diese Ernährungsweise eignet sich auch zur Vorbeugung eines Schlaganfalls – und hat nebenbei auch weitere positive Effekte, etwa auf die Leber.
Regelmäßige Bewegung kann ebenfalls dazu beitragen, das Rückfallrisiko zu senken. Ob und welche Bewegung überhaupt möglich ist, hängt natürlich von der Art und Schwere der neurologischen Ausfälle ab. Ausdauersportarten wie Nordic Walking sind besonders geeignet, da sie eine blutdrucksenkende Wirkung haben.
Tipps für die Zeit nach dem Schlaganfall:
„Time is brain“: Je schneller die Behandlung beginnt, desto besser die Chancen auf Rehabilitation. Der FAST-Test hilft, Schlaganfall-Symptome (Lähmungen, Sprachstörungen) rasch zu erkennen.
Die Rehabilitation beginnt meist schon im Krankenhaus. Sie kann unter anderem Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Ernährungsberatung und Psychologie umfassen. Geduld und Mitarbeit sind nötig.
Spezielle Behandlungen wie Botulinumtoxin bei spastischen Lähmungen oder sensomotorisches Training bei „Neglect“ werden ebenfalls bei Bedarf eingesetzt.
Schlaganfälle können psychische Belastungen auslösen, wie die Post-Stroke-Depression, die psychologisch und/oder medikamentös behandelt werden müssen.
Regelmäßige ärztliche Kontrollen von Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker sind wichtig.
Eine mediterrane Ernährung und regelmäßige Bewegung (z.B. Nordic Walking) werden empfohlen, um das Rückfallrisiko zu senken.
Der FAST-Test
Erkenne die wichtigsten Anzeichen eines Schlaganfalls:
F wie FACE („Gesicht“): Bringe den Betroffenen zum Lächeln – ist eine Gesichtshälfte verzogen oder hängt ein Mundwinkel herunter?
A wie ARMS („Arme“): Kann die betroffene Person beide Arme mit nach oben gedrehten Handflächen nach vorn strecken?
S wie SPEECH („Sprache“): Ist die Aussprache undeutlich, verlangsamt oder fehlen Wörter?
T wie TIME („Zeit“): Bei einem oder mehreren der oben genannten Anzeichen sofort den Notruf wählen!
Mehr Informationen zum FAST-Test gibt es auf Instagram.
Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind …
… höheres Alter, erhöhter Blutdruck, Rauchen, erhöhte Blutfettwerte, Herzrhythmusstörungen (insbesondere Vorhofflimmern) und chronischer Stress. Letzterer wirkt vor allem indirekt, weil er u. a. einen Bluthochdruck begünstigen und schädliche Lebensstilfaktoren (Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung, wenig ausgleichende Bewegung) fördern kann.
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