Digital Detox: Handy weg, Kopf hoch
Immer online, ständig erreichbar: Das Smartphone begleitet uns den ganzen Tag. Doch was macht der ständige Blick auf den Bildschirm mit unserer Psyche? Und ist „Digital Detox“ mehr als nur ein Trend? Zwei Gesundheitspark-Expertinnen erklären, warum nicht die Dauer, sondern die Art der Nutzung entscheidend ist – und welche kleinen Schritte helfen können, den digitalen Konsum bewusster zu gestalten.
Smartphone im Bett, in der Küche, auf der Toilette.
Smartphone am Morgen, bei der Arbeit, am Abend.
Hier eine WhatsApp-Nachricht, da ein wenig auf Instagram scrollen – und dieses eine tolle Bild muss auch unbedingt geteilt werden.
Unser Leben ist bildschirmfixiert, und das in jeder Altersklasse. Während Erwachsene sich nicht gerne in die Karten bzw. auf die Displays schauen lassen, liegt der Fokus der Forschung auf der jüngeren Generation.
Foto: Tarik – Unsplash
Bitte lächeln, das kommt auf Instagram! Smartphones begleiten uns auf Schritt und Tritt.
Menschen, die auf Bildschirme starren
Studien zeigen, dass Jugendliche im deutschsprachigen Raum täglich durchschnittlich 201 Minuten1 bis 221 Minuten2 vor Bildschirmen verbringen. In den USA wurden 2023 sogar Werte von über sieben Stunden3 Bildschirmzeit gemessen.
Wie sich dieser Konsum auf die psychische Gesundheit auswirkt, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Eine aktuelle Studie4 deutet jedoch darauf hin, dass nicht die Dauer, sondern die Art der Nutzung entscheidend ist. Während manche Kinder schadlos viele Stunden vor dem Bildschirm verbringen können, gleiten andere in psychische Probleme ab.
Die Donau-Universität Krems5 hat wiederum vor ein paar Wochen eine Studie veröffentlicht, in der zu einer Reduktion der Smartphone-Nutzung auf unter zwei Stunden pro Tag geraten wird (siehe Infobox).
Foto: privat
Ein Konzert in Wien, Sommer 2025: Viele verfolgen es auf dem Bildschirm, während die Künstler*innen in ein Meer aus Smartphone-Kameras blicken.
Wichtige Werkzeuge
„Die Langzeitaspekte des Medienkonsums sind noch gar nicht bekannt“, erklärt auch Dr. Sonja Aichberger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, aus dem Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Wien. Was man allerdings weiß: „Der übermäßige Medienkonsum beeinflusst auf jeden Fall die Hirnentwicklung.”
Ein Schwarz-Weiß-Denken ist im Umgang mit digitalen Medien dennoch zu kurz gegriffen. „Sie sind wichtige Werkzeuge, mit denen Jugendliche aufwachsen und bringen auch Vorteile, wie den Zugriff auf Wissen“, betont Dr. Aichberger und ergänzt: „Der Medienkonsum ist meist nicht das vordergründige Problem, weswegen Jugendliche zu einer Behandlung kommen. Vielmehr sind es andere Erkrankungen, unter denen sie leiden, wobei digitale Medien immer wieder ein Thema sind.“
Ähnlich sieht das auch Helena Pokrivka, BA BSc MSc MSc, Klinische Psychologin aus dem Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Ried. Psychische Probleme haben oft mehrere Ursachen, der Medienkonsum ist nur ein Steinchen im Baukasten. „Ich finde es gut, dass diesem Steinchen immer mehr Beachtung geschenkt wird, aber gleichzeitig wird es manchmal viel zu vereinfacht dargestellt“, sagt Pokrivka, die auf die komplexen Wechselwirkungen verschiedener Faktoren der psychischen Gesundheit verweist.
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Helena Pokrivka spricht in dieser Ausgabe der G'sunden Viertelstunde über digitale Gewohnheiten, ständige Erreichbarkeit und die Kunst, sich abzugrenzen. Es geht um Medienkompetenz, bewusste Pausen und die Rolle von Erwachsenen als Vorbilder – besonders für Kinder und Jugendliche. Eine Einladung zum Innehalten in einer Welt voller Push-Nachrichten.
Süchtig nach dem Dopamin-Kick
Ein Aspekt, der digitale Medien problematischer macht: Das Suchtverhalten wird oft erst später bemerkt als bei Substanzen wie Alkohol oder anderen Drogen.
„Diese Abhängigkeit kommt schleichend“, erklärt Dr. Aichberger: „Wenn der Internet- oder Medienkonsum so stark erhöht ist, dass Betroffene die Familie oder gemeinsame Unternehmungen wie das Treffen von Freunden aussparen, sind das Alarmzeichen.“
Dass vor allem soziale Netzwerke das Potenzial zu einem Suchtverhalten haben, ist kein Zufall. Denn sie sind darauf ausgelegt, die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn anzuregen.
Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der mit Belohnung und Motivation verbunden ist. Jedes Mal, wenn ein*e Nutzer*in beispielsweise einen neuen Beitrag entdeckt, wird Dopamin freigesetzt, was ein kurzfristiges Gefühl der Befriedigung auslöst. In einem aufsehenerregenden Interview hat Sean Parker, der ehemalige Corporate President von Facebook, eingeräumt, dass Social-Media-Plattformen gezielt dieses System ausnutzen.6
Speziell in der Pubertät sind Menschen anfällig für ein derartiges Suchtverhalten, aber auch für andere schädliche Auswüchse der Online-Welt wie Mobbing. „Da braucht es viel mehr Aufklärung und Unterstützung“, sagt Dr. Aichberger.
Foto: Bao Truong – Unsplash
Kommerzielle Netzwerke setzen auf Dopaminausschüttung. Inzwischen versuchen sich nicht-kommerzielle Alternativen wie Mastodon und Pixelfed zu etablieren, die auf viele Trigger verzichten.
Unklares „Entgiften“
Sorgen um das psychische Wohlbefinden sind mit ein Motivationsgrund für ein Digital Detox, also ein „digitales Entgiften“. Dieses zielt darauf ab, den Medienkonsum, meist also die Bildschirmzeit und die Social-Media-Zeiten, zu reduzieren.
Ob und welche Effekte ein Digital Detox hat, ist noch relativ unklar, wie Pokrivka betont. „Es gibt Studien, die sehr positive Auswirkungen belegen, bis hin zu Studien, die sogar negative Konsequenzen von einem Social-Media-Detox berichten. Allein von den Befunden her kann man sich noch kein fundiertes oder schlüssiges Bild machen.“
Kleine Schritte
Wer dennoch ein Digital Detox in Angriff nehmen möchte, dem empfiehlt Pokrivka, sich zuerst die Motivation hinter dem Medienkonsum anzusehen: „Nutze ich diese Medien in besonders stressigen Momenten, wenn bestimmte Emotionen besonders intensiv auftreten oder auch, um bestimmte Emotionen überhaupt erst zu erreichen?“ Parallel dazu ist es wichtig, sich kleine, realistische Ziele zu setzen.
„Wenn mein Medienkonsum bei fünf Stunden täglich liegt, wäre es abwegig, das gleich auf eine Stunde täglich herunterzufahren“, sagt Pokrivka. „Ich bin auch kein Fan von ‚ganz oder gar nicht‘. Social Media komplett zu streichen, ist in vielen Fällen einfach unrealistisch“, erklärt sie und ergänzt: „Sich Begrenzungsstrategien zu erarbeiten, um den Konsum in einem Rahmen zu halten, kann jedoch sinnvoll sein.“
Einige mögliche Ansätze sind:
Social Media nur innerhalb bestimmter Zeitfenster zu nutzen.
Ab gewissen Uhrzeiten (etwa abends ab 20 Uhr) nicht mehr zum Smartphone zu greifen.
Störende Benachrichtigungen („Push-Notifications“) deaktivieren.
Spezielle Apps oder Funktionen im Betriebssystem des Smartphones können die Bildschirmzeit messen und anzeigen. „Für viele Leute kann das ein erster Aha-Moment sein, wenn sie ihre ‚Bildschirmzeit‘ schwarz auf weiß sehen. Das kann einerseits erschreckend sein, andererseits aber auch motivieren, etwas zu ändern“, so Pokrivka.
Foto: Bao Truong – Unsplash
Freizeitbeschäftigungen helfen, vom Smartphone wegzukommen.
Keine Zeit zum Scrollen
Für einen dauerhaften Effekt hat sich allerdings eine andere Strategie bewährt. Dr. Aichberger, die in ihrer Praxis Kinder und Jugendliche betreut, verfolgt das Hauptziel, die Betroffenen ausreichend zu beschäftigen, anstatt Smartphone und Social Media zu verbieten. Vielmehr soll die Zeit mit anderen Beschäftigungen verbracht werden.
Gleiches berichtet auch Pokrivka: „Es gibt das Handy, es gibt Social Media, aber es gibt auch Brettspiele, ins Kino gehen, Hobbys nachgehen und vieles mehr. Es gilt, diese Alternativen aufzuzeigen und zu stärken.“
Mama, Papa, FOMO
Vor diesem Hintergrund hält Dr. Aichberger auch das Handyverbot an Schulen für sinnvoll. Vorausgesetzt, es wird so gestaltet, dass Handys oder Tablets als Werkzeuge genutzt werden können, der Verwendung jedoch Struktur gegeben wird. „Viele haben zu Hause diese Struktur nicht. Wenn man im Unterricht abgelenkt ist, weil man dauernd WhatsApp-Nachrichten schreibt, ist das Smartphone fehl am Platz.“
Hier klingt auch ein weiterer Aspekt an: Erwachsene haben eine Vorbildfunktion. Sehr häufig fokussiert sich die Debatte über die Nutzung digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche, doch auch viele Erwachsene pflegen einen problematischen Umgang mit digitalen Medien. „Ich höre immer wieder von erwachsenen Klient*innen, die sich mit dem Digital Detox schwertun, wegen FOMO („Fear of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen, Anm.)“, erzählt Pokrivka.
Wichtig sei auch, betont Dr. Aichberger, dass Eltern mit ihren Kindern die Inhalte besprechen, um deren Bewusstsein für Fake News und betrügerische Absichten zu schärfen.
Das Internet ist ein Hammer
Letztlich läuft alles darauf hinaus, digitale Medien und Social Media, wie eingangs erwähnt, tatsächlich als „Werkzeuge“ zu verwenden und nicht selbst zum Werkzeug dieser Dienste zu werden.
„Ich benutze im Zusammenhang mit Social Media oder generell Medien immer gerne dieses Bild von einem Hammer”, erklärt Pokrivka. „Mit einem Hammer kann ich viele tolle Dinge erschaffen. Aber ich kann damit auch viel beschädigen und zerstören.“
Foto: Gesundheitsparks/Canva
Mit dem Smartphone kann man auch sehr schöne Dinge machen – etwa unserem Instagram-Kanal folgen.
Fünf Tipps für einen gesunden Umgang mit digitalen Medien
Reflektiere, wann (z. B. in stressigen Momenten) und warum du zu Smartphone & Co. greifst.
Setze dir realistische Ziele, um deine Bildschirmzeit zu reduzieren und versuche, Begrenzungsstrategien zu erarbeiten: Nutze Social Media beispielsweise nur zu festgelegten Zeiten oder deaktiviere Push-Benachrichtigungen, die dich unnötig ablenken.
Plane aktiv Alternativen zum Medienkonsum, zum Beispiel Brettspiele, Kino, Hobbys oder Treffen mit Freund*innen.
Sprich mit anderen über digitale Inhalte, speziell mit deinen Kindern.
Nutze digitale Medien wie ein Werkzeug, aber lasse dich nicht von ihnen benutzen.
Quellen
1) JIM-Studie 2024 Jugend, Information, Medien https://mpfs.de/app/uploads/2024/11/JIM-2024_Chartbericht_mpfs_PDF.pdf
Digital-Detox-Studie
Eine Digital-Detox-Studie der Donau-Universität Krems in Kooperation mit dem Radiosender FM4 untersucht gerade, wie sich eine reduzierte Handynutzung (maximal 2 Stunden täglich über 3 Wochen) auf die psychische Gesundheit auswirkt.
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