Heimlich, still und leise
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Heimlich, still und leise

Sie verursacht kein Fieber, keine Schmerzen und bleibt im Alltag lange unbemerkt – und doch kann sie über Jahre aktiv sein. Die sogenannte „stille Entzündung“ wird zunehmend mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht in Verbindung gebracht. Was genau passiert dabei im Körper? Und was kann helfen, sie zu bremsen?

Entzündungen verbinden viele Menschen mit klaren Warnsignalen: Schmerzen, Fieber oder Schwellungen. Doch nicht jede macht sich so deutlich bemerkbar. Manche verlaufen im Stillen – über Jahre hinweg, ohne eindeutige Symptome.

Der Begriff „stille Entzündung“ (engl. silent inflammation) taucht seit einigen Jahren immer häufiger in Medien, sozialen Netzwerken und Werbebotschaften für Nahrungsergänzungsmittel auf. Medizinisch handelt es sich dabei jedoch nicht um ein eigenständiges Krankheitsbild, sondern um einen möglichen Hintergrundmechanismus im Körper. 

Bild: iStock/Tinatin1

Stille Entzündungen können über Jahre im Körper aktiv sein.

„Stille Entzündungen sind niedrigschwellige, chronische Entzündungen, die im Körper schwelen, ohne dass ausgeprägte Symptome auftreten“, erklärt OA Dr.in Gertrud Hopf, Fachärztin für Innere Medizin und Angiologie sowie Partnerin im Gesundheitspark Göttlicher Heiland Wien. „Typische Entzündungszeichen wie Fieber oder Schmerzen fehlen.“

Akute vs. chronische Entzündungen

Entzündungen sind zunächst nichts Negatives. Im Gegenteil: Sie sind ein zentraler Teil unserer Immunabwehr.

Akute Entzündungen sind Schutzreaktionen des Körpers, die beispielsweise eine Infektion bekämpfen sollen“, erklärt Dr.in Hopf. Der Körper fährt seine Abwehr hoch, reagiert etwa mit Fieber oder Schwellungen und beruhigt sich anschließend wieder.

Bei chronischer Entzündungsaktivität läuft dieser Mechanismus anders ab: „Der Prozess verläuft deutlich unauffälliger. Stille Entzündungen können über Jahre bestehen“, betont die Internistin.

Mögliche Hinweise können sein:

  • Anhaltende Müdigkeit

  • Verminderte Belastbarkeit

  • Häufige Infekte

  • Konzentrationsprobleme

  • Schlafstörungen

  • Allgemeines Unwohlsein

Ein klassisches Leitsymptom gibt es jedoch nicht. Genau das macht die Einordnung so schwierig. Viele Menschen gewöhnen sich an solche Beschwerden und nehmen sie als normalen Teil ihres Alltags wahr.

„Alles, was sehr lange besteht,

wird irgendwann akzeptiert.“

OA Dr.in Gertrud Hopf, Fachärztin für Innere Medizin und Angiologie

Wie stille Entzündungen entstehen

Einen einzelnen Auslöser für chronische Prozesse gibt es selten. In der Regel wirken mehrere Faktoren zusammen.  

Lebensstil und Stoffwechsel
Mögliche Einflussfaktoren sind etwa:

  • Bewegungsmangel

  • Rauchen

  • Schlafmangel

  • Dauerhafter Stress

  • Stark verarbeitete Lebensmittel, unausgewogene Ernährung

Medizinische Ursachen
Auch bestimmte Erkrankungen können eine Rolle spielen, zum Beispiel:

  • Chronische Zahnfleischentzündungen

  • Autoimmunerkrankungen

  • Mögliche Veränderungen des Darm-Mikrobioms

Bild: iStock/draganab

Chronische Zahnfleischentzündungen können über entzündliche Botenstoffe systemische Prozesse im gesamten Körper mit beeinflussen.

Wenn eine Entzündung zur Dauerbelastung wird

Das eigentliche Problem liegt nicht in einem einzelnen Reiz, sondern in der dauerhaften Aktivierung des Immunsystems. Besteht eine niedriggradige Entzündungsaktivität über längere Zeit, kann sie Gefäße, Gewebe und den Stoffwechsel belasten.

„Zytokine – also Botenstoffe des Immunsystems – wirken schädlich auf das Endothel, die innere Schicht der Gefäßwand“, erklärt Dr.in Hopf. Wird diese Schutzschicht beschädigt, kann daraus eine langfristig gefährliche Entwicklung entstehen. „Durch die Schädigung entstehen Plaques – also Ablagerungen in den Gefäßen. Über längere Zeit kann das einen großen Schaden anrichten“, betont die Internistin.

Dabei greifen mehrere Mechanismen ineinander:

  • Fettpartikel lagern sich leichter in der Gefäßwand ab.

  • Immunzellen wandern ein.

  • Es entstehen Ablagerungen im Gewebe.

Die Gefäße verlieren an Elastizität, verengen und können sich im weiteren Verlauf vollständig verschließen. Dieser Mechanismus gilt zentral für die Entstehung von Arteriosklerose. Auch der Stoffwechsel ist eng damit verbunden. „Vor allem viszerales Bauchfett ist hormonell aktiv und produziert entzündungsfördernde Botenstoffe“, so Dr.in Hopf.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen:

  • Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes

  • Prädiabetes

  • Adipositas mit ausgeprägtem Bauchfett

Diese schleichende Entwicklung erhöht langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Gefahr durch chronische Entzündungskrankheiten

3sat/nano/DOCUVISTA Filmproduktion/Marilena Schulte, Maike Wurtscheid/Jörg Becker, Sergios Roth/Tatjana Theuer/Jochen Schmidt - Lizenz: CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de

Wie man stille Entzündungen erkennt

Viele Menschen hoffen auf einen einfachen Bluttest, der eine stille Entzündung eindeutig nachweist. So einfach ist es jedoch nicht. Denn: „Es gibt keinen einzelnen Laborwert, der das beweist“, sagt Dr. Hopf.

OA Dr. Karl Schrattbauer, MBA, Leiter des Instituts für Labormedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried, ergänzt: „Laborwerte müssen immer im Kontext betrachtet werden.“ Denn nicht jede Müdigkeit ist Ausdruck einer chronischen Entzündung und nicht jeder Laborwert außerhalb des Referenzbereichs bedeutet automatisch eine Erkrankung.

Der Grund liegt in den sogenannten Referenzwerten. „Diese beruhen auf statistischen Modellen: 95 Prozent gesunder Personen liegen innerhalb des Normbereichs. Fünf Prozent liegen definitionsgemäß außerhalb – ohne krank zu sein.“

Das bedeutet: Ein einzelner auffälliger Wert ist noch keine Diagnose. Wichtiger sind wiederholte Messungen und der Vergleich über längere Zeit.

Laborwerte mit möglicher Aussagekraft

  • CRP (C-reaktives Protein): ist ein klassischer Entzündungsmarker

  • hs-CRP (high sensitive CRP): sensibler Marker für niedriggradige Entzündungsaktivität, ist jedoch kein Beweis für eine stille Entzündung.

  • Ferritin: Bestandteil des Eisenstoffwechsels und zugleich ein Akutphase-Protein, kann bei chronischen Entzündungsprozessen leicht erhöht sein

Bild: iStock/AnnaStills

Erst das Zusammenspiel von Laborwerten, Beschwerden, Vorerkrankungen und Risikofaktoren ermöglicht schließlich eine medizinisch sinnvolle Einschätzung.

Warum das Thema relevant bleibt

Die stille Entzündung ist weniger ein Krankheitsbild als vielmehr ein Hinweis auf mögliche langfristige Gesundheitsrisiken. Entscheidend ist deshalb immer eine individuelle Risikoeinschätzung. Denn chronisch erhöhte Werte können über Jahre hinweg mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, neurodegenerative Erkrankungen und bestimmte Krebsarten einhergehen.

Die wichtigste Stellschraube sind dabei unsere Gewohnheiten: „Der Lebensstil ist in vielen Fällen die Hauptursache“, sagt Dr.in Hopf. „Mit Nahrungsergänzungsmitteln lässt sich zwar gut Geld verdienen. Für Patient*innen ist das attraktiv, weil es einfacher wirkt: Man nimmt ein paar Vitamine und hofft auf eine schnelle Lösung. Aber so funktioniert Gesundheit selten.“

Gerade deshalb sind Versprechen rund um angebliche „Anti-Entzündungs-Kuren“ oder einzelne Wundervitamine kritisch zu betrachten. Sie suggerieren schnelle Lösungen für komplexe Vorgänge im Körper.

Wer langfristig vorbeugen möchte, braucht in der Regel weder spezielle Entzündungskuren noch teure Nahrungsergänzungsmittel. Wichtiger sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, eine fundierte medizinische Bewertung von Beschwerden und vor allem nachhaltige Veränderungen im Alltag: Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und ein bewusster Umgang mit Stress.

Fünf Tipps für ein entzündungsarmes Leben

  1. Bei anhaltender Müdigkeit, verminderter Belastbarkeit oder häufigen Infekten sollte auch an mögliche chronische Prozesse gedacht werden – insbesondere, wenn mehrere Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bewegungsmangel vorliegen.

  2. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Laborwerte im Verlauf richtig einzuordnen.

  3. Stress möglichst reduzieren, da dauerhafte Belastung Entzündungsreaktionen im Körper verstärken kann.

  4. Auf Bauchfett achten: Viszerales Fettgewebe ist hormonell aktiv und produziert entzündungsfördernde Botenstoffe.

  5. Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Rauchverzicht wirken sich positiv auf Gefäße und Stoffwechsel aus und reduzieren bekannte Risikofaktoren.

Keine eigenständige Erkrankung

Eine stille Entzündung ist kein eigenständiges Krankheitsbild. Es gibt keinen spezifischen Marker, der sie eindeutig nachweist. Sie wird auch nicht isoliert behandelt. Entscheidend ist die Einordnung von Beschwerden, Risikofaktoren und Laborwerten im Gesamtbild.

Oft lange unentdeckt

Unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit oder Infektanfälligkeit werden oft als „normal“ wahrgenommen. Da es kein eindeutiges Leitsymptom gibt, bleibt eine chronische, niedriggradige Entzündungsaktivität oft lange unerkannt.

Einzelwert ist nicht gleich Diagnose

Laborwerte werden anhand statistischer Referenzbereiche beurteilt. Erst wiederholt auffällige Veränderungen im Zeitverlauf erhalten diagnostische Bedeutung.

Keine spezielle Therapie

Eine gezielte medikamentöse Behandlung der stillen Entzündung ist nicht möglich. Im Mittelpunkt stehen stattdessen Lebensstilfaktoren wie Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichender Schlaf und Stressreduktion. Vermeintlich schnelle Lösungen, wie etwa Nahrungsergänzungsmittel oder „Entzündungskuren“, können diese Maßnahmen nicht ersetzen.


Autor
Alexandra Neureiter / Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
29.04.2026
Headerfoto: iStock/solidcolours

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