„Kinder ahmen ihre Eltern nach“
Dr. Rainer Wolschner, MBA, Kinderarzt und Experte für Kindergesundheit in den Gesundheitsparks Barmherzige Schwestern Wien und St. Josef Wien, hat uns zum Abschluss unserer Serie „Gesund aufwachsen“ Einblicke gegeben, wie Eltern einen gesunden Lebensstil fördern können. Im Gespräch erklärt er, worauf es bei einer ausgewogenen Ernährung ankommt und weshalb feste Routinen für die gesunde Entwicklung von Kindern entscheidend sind.
Wie können Eltern ihre Kinder an einen gesunden Lebensstil heranführen?
Dr. Rainer Wolschner: Kinder wollen ihren Eltern alles nachahmen. Eltern müssen also mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kindern einen gesunden Lebensstil vorleben. Das gilt für die Bewegung, aber auch für die Ernährung.
Ein Beispiel: Ich hatte ein Kind mit Asthma in Behandlung, dessen Mutter auf die Frage nach Bewegung sagte: „Wir sind in der Familie alle eher Couchpotatoes“. Da stellt sich natürlich die Frage, wie das Kind seine Fitness verbessern soll, wenn es von den Eltern keine Motivation bekommt. Ohne positive Förderung durch das Umfeld kann sich diese nicht entwickeln.
Stichwort Ernährung: Wie kann diese in den Familienalltag integriert werden?
Dr. Wolschner: Wenn ein Kind in der Familie übergewichtig ist und die anderen etwas mehr Glück mit ihrem Stoffwechsel haben oder einfach sportlicher sind, dann ist es oft schwierig zu sagen: Das eine Kind bekommt nur die Karotten mit dem Joghurtdip und die anderen das Nutellabrot. Dass dieser Ansatz in der Gruppendynamik einer Familie nicht funktioniert, ist vielen oft nicht klar. Hier muss also ein lebbarer Kompromiss innerhalb der Familie gefunden werden.
Dr. Rainer Wolschner, MBA, Kinderarzt und Experte für Kindergesundheit.
Im Prinzip ist bei der Ernährung alles erlaubt, die Frage ist immer die Menge – die zugeführten Kalorien sollten im Verhältnis zum Verbrauch stehen. Und als praktische Idee für die Umsetzung im Alltag kann man einmal in der Woche, jeweils etwas Rotes, etwas Grünes und etwas Gelbes essen – sowohl von Obst als auch Gemüse – dann kann man sich gerade bei Kindern und Jugendlichen auch die ganzen Vitamintabletten sparen. Das ist ja im Moment der große Hype, dass man den Mangel an einer ausgewogenen Ernährung kompensiert, indem man alle zwei Tage drei Kapseln schluckt.
Foto: Sergey Nemo - Pixabay
Statt Vitamintabletten lieber regelmäßig rotes, gelbes und grünes Gemüse und Obst.
Gibt es Kinder, die besonders anfällig für Übergewicht sind?
Dr. Wolschner: Das Paradoxe ist, dass Übergewicht heute eigentlich ein Zeichen von Armut ist. Gesunde Ernährung setzt voraus, dass man sich unter anderem die Zeit zum Kochen nehmen sowie die „guten“ Nahrungsmittel auch leisten kann. In Zeiten von „working poor“ und der angespannten wirtschaftlichen Situation der letzten Jahre ist das nicht einfacher geworden.
Wie motiviert man Kinder zu mehr Bewegung?
Dr. Wolschner: Die Kunst ist eigentlich, sie nicht zu bremsen – man muss nicht viel tun, man muss nur mit ihnen mithalten können. Aber das ist schon eine Herausforderung. Ein Kollege hat das mal so schön ausgedrückt: „Ein Dreijähriger hat die Kondition eines Triathleten“. Kinder haben also von Natur aus einen sehr ausgeprägten Bewegungsdrang – die einen mehr, die anderen weniger. Hier gibt es natürlich individuelle Unterschiede, aber wenn man es schafft, diesen Antrieb nicht abstumpfen zu lassen, dann hat man schon viel erreicht.
Bei den Babys sieht man das gut. Zwischen dem sechsten und achtzehnten Monat gibt es viele richtige „Speckis“ – und bis zum dritten Geburtstag werden fast alle spindeldürr, weil sie sich ständig bewegen wollen. Danach gibt es einen Wendepunkt, wenn sie anfangen, sich mehr oder weniger so zu ernähren und zu bewegen wie der Rest der Familie und die Bildschirmzeiten deutlich zunehmen. Dann haben wir die übergewichtigen Fünfjährigen.
Wie können Eltern den Kindern die Zusammenhänge im Körper erklären?
Dr. Wolschner: Zum Glück gibt es inzwischen sehr viele kindgerechte Bücher zu allen möglichen Themen um kleines Geld oder in Internetbörsen teilweise verschenkt. Kinder interessieren sich besonders für wiederkehrende Themen aus ihrem Alltag und verstehen sie auch recht schnell. Bücher, die sie auf bestimmte Situationen im Leben vorbereiten (z. B. ein neues Geschwisterchen), helfen ihnen. Diese Bücher werden dann oft nicht nur einmal, sondern zigmal vorgelesen, was Sorgen nimmt und die geistige Entwicklung fördert. Uns hilft es etwa in Untersuchungssituationen ungemein, wenn Kinder diese Situation durch Bücher bereits (er-)kennen, besser mitarbeiten und insgesamt damit besser umgehen können.
Wie können Eltern „gesunde“ Routinen wie Zähneputzen oder Sonnenschutz etablieren?
Dr. Wolschner: Grundsätzlich ist das Zähneputzen ein großes Thema. Es werden regelmäßig Kinder in den Krankenhäusern aufgenommen, bei denen die Kieferchirurgie nur noch die Aufgabe hat, die schlechten Zähne zu ziehen. Was leider viele negative Folgeprobleme verursacht. Und das hat nichts mit dem sozioökonomischen Hintergrund zu tun – im Gegensatz zum Übergewicht. Hier hört man leider nur oft, er/sie wollte es halt nicht und es sind ja nur die Milchzähne.
Ich empfehle, sobald mehr als die Hälfte der weißen Zähne draußen sind, sollte zumindest einmal am Tag physisch aktiv geputzt werden. Spätestens ab dem ersten Geburtstag sollte einmal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta geputzt werden. Auch hier gilt: Kinder ahmen ihre Eltern nach. Kinder lieben Routinen, weil sie dann wissen, was als Nächstes kommt.
Wenn die Eltern regelmäßig Zähne putzen und die Kinder das sehen, entwickeln sie von selbst das Interesse, es ihnen nachzumachen. Das Zähneputzen sollte von Anfang an in den gemeinsamen Alltag integriert werden. Es muss nicht gleich perfekt sein, aber die Routine sollte da sein. Wenn man erst mit zwei Jahren anfängt, Zähne zu putzen, ist das für alle viel frustrierender, als wenn man damit schon zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat anfängt, wenn das Kind schon selbst etwas halten und auf den Zahnbürsten „mitkauen“ kann, während die Bezugsperson Zähne putzt.
Foto: RDNE Stock project
Früh übt sich – auch beim Zähneputzen.
Je stressfreier eine Routine umgesetzt werden kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Kind sie auch in höherem Alter beibehält. Also lieber früher als später damit beginnen, gemeinsam positive Routinen zu entwickeln.
Mit der Zeit gewöhnen sich Kleinkinder auch an elektrische Zahnbürsten, die das Putzen erleichtern. Unsere ältere Tochter hat Wochen gebraucht, um sich daran zu gewöhnen. Zuerst hat sie nur die „Zähne“ ihrer Kuscheltiere damit geputzt – aber dann hat sie sich immer mehr getraut, die elektrische Zahnbürste in den Mund zu nehmen. Seitdem erleichtert das die abendliche Routine ungemein.
Das gilt auch für Routinen wie das Händewaschen – hier bitte ganz normale Seife verwenden. Der Sonnenschutz ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Kinder müssen früh lernen, dass im Sommer das Eincremen vor dem Spielen im Freien dazugehört. Hier gilt es, frühzeitig positive Gewohnheiten zu etablieren. Ein Tipp an die Eltern: probiert die Produkte zuerst an euch selbst aus, denn wenn sie sich gut anfühlen und leicht verwischen lassen, machen auch die Kinder besser mit.
Wie sollten Eltern mit „Tabuthemen“ wie der Intimpflege umgehen?
Dr. Wolschner: Kleinkinder, nach meiner Erfahrung vorwiegend die Mädchen, leiden häufiger unter wiederholten Harnwegsinfekten, oft schon im Alter von etwa drei Jahren. Wir fragen dann nach, wie sauber gemacht wurde. Oft wird zu viel gemacht oder die Kinder wischen nach dem Toilettengang falsch von hinten nach vorn – weil manche Eltern dem Irrglauben unterliegen, dass die Kinder die Intimpflege in diesem frühen Alter schon alleine beherrschen.
Ab drei Jahren haben die Kinder oft schon ein sehr ausgeprägtes Schamgefühl. Man muss in der Familie eine Routine finden, in der solche Botschaften immer wieder wiederholt werden, auch in einem Alter, in dem man glaubt, dass die Kinder es noch nicht verstehen. Aber es bleibt hängen. Das merken viele an der Sprachentwicklung des Kindes. Oft denkt man, man redet „in das Kind hinein“ und es kommt nichts zurück. Und dann plötzlich „legt sich ein Schalter um“ und alles, was man das letzte halbe Jahr gesagt hat, kommt plötzlich aus dem Kindermund raus.
Wie können Eltern derartige Botschaften am besten in diesem Kindesalter vermitteln?
Dr. Wolschner: Wenn man mit Kindern im Alltag zu tun hat, sollten Erwachsene sich angewöhnen, ihre Gedanken oder Tätigkeiten begleitend zu kommentieren. Kinder brauchen das und wollen wissen, was als Nächstes passieren soll. Das müssen Eltern oft erst wieder lernen, dass sie gegenüber dem Kind artikulieren, was sie gerade tun, denken oder wollen. Wir würden auch nur ungern einfach hochgehoben und von A nach B versetzt werden, ohne zu wissen, warum.
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War sehr tapfer und ist jetzt geschützt.
Wie können Eltern die Angst vor dem Besuch in der Arztpraxis verhindern?
Dr. Wolschner: Ich merke in diesem Zusammenhang schon einen Unterschied zwischen den Kindern, die nach dem österreichischen Impfplan geimpft werden – die sind mit dem zweiten Geburtstag mit den meisten empfohlenen Schutzimpfungen fertig und erinnern sich später nicht mehr so daran. Bei jenen, die erst später geimpft wurden, merkt man, dass sie schon an der Bushaltestelle am Weg zur Ordination unruhig werden. Sie rechnen jedes Mal mit einem „Pieks“ und Eltern können ihnen in diesem Alter den großen Nutzen durch die Schutzimpfung nur schwer vermitteln.
Das größte Geschenk für die Ärztinnen und Ärzte, die Kinder behandeln, sind diese kleinen „Arztkoffer“. Wenn das Kind an den Eltern, Geschwistern oder an Kuscheltieren die verschiedenen Gerätschaften ausprobieren kann, sorgt das für einen Wiedererkennungseffekt. Dann sind die Kinder in der Untersuchung viel entspannter, da sie das alles kennen – das Unbekannte macht die Kinder nervös.
Wie finden Eltern das richtige Maß beim Medienkonsum der Kinder?
Dr. Wolschner: Alles, was absolut verboten ist, wird umso interessanter. Es gibt auch schon Entwicklungsneurolog*innen, die sagen, wenn Eltern das Kind bis zur Volksschule von allen Medien fernhalten, dann ist es in der Volksschule total überfordert. Wenn allerdings Dreijährige besser mit dem Handy umgehen können als ihre Eltern, dann ist das auch nicht der richtige Weg. Die Mehrheit der Menschheit benutzt mittlerweile Smartphones und Computer, also muss man die Kinder in der heutigen Zeit auch ein wenig darauf vorbereiten. Wie schon Paracelsus sagte: „Die Dosis macht das Gift“.
Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen für Kinder?
Dr. Wolschner: Sie sind äußerst wichtig, da viele gesundheitliche Probleme durch frühzeitige Erkennung und Behandlung vermieden werden können, bevor sie sich überhaupt entwickeln. Hier fallen mir etwa Kopfverformungen und Entwicklungsstörungen ein. Wenn Kinder regelmäßig untersucht werden, können wir durch ein frühzeitiges Erkennen Dinge wie eine Skoliose oder andere Fehlhaltungen erkennen und behandeln, bevor sie zu gesundheitlichen Problemen wie Schmerzen führen.
Auch Übergewicht kann frühzeitig erkannt und behandelt werden. Es gibt die Ansicht, dass wir das Übergewicht, das wir im Alter von 6 oder 8 Jahren haben, auch später als Erwachsene nicht mehr loswerden. Zwischen 2 und 6 Jahren kann man aber oft noch positiv gegensteuern.
Wie häufig sollen Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden?
Dr. Wolschner: Im ersten Lebensjahr sehen wir die Kinder fast monatlich, weil der Mutter-Kind-Pass regelmäßige Untersuchungen bis zum 5. Geburtstag vorschreibt. Auch einige Schutzimpfungen werden in den ersten beiden Jahren durchgeführt. Ab dem zweiten Lebensjahr nimmt die Anzahl der Eltern, die diese Möglichkeit zur Vorsorgeuntersuchung nutzen, leider rapide ab – ab diesem Zeitpunkt sind sie nämlich für den Bezug des Kindergeldes nicht mehr notwendig. Es gibt Überlegungen, im neuen Eltern-Kind-Pass die empfohlenen Untersuchungen bis zum 18. Lebensjahr zu verlängern, damit die Kinder einmal im Jahr zur Vorsorge gehen. Etwas in diese Richtung würde ich für sinnvoll erachten.
Haben Sie abschließend noch einen Ratschlag für Eltern?
Dr. Wolschner: Ein Kind zu bekommen ist ein Moment, in dem man seinen Alltag und die eigenen Gewohnheiten hinterfragen kann. Das können Eltern auch als Chance sehen – zum Beispiel, wieder mehr Zeit draußen zu verbringen, abwechslungsreicher zu kochen und häufiger mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Aktivitäten zu unternehmen. So haben sie bereits viel erreicht.
Es ist schwierig, diese Dinge nach einer harten Arbeitswoche immer als positiv zu empfinden, das gebe ich zu. Aber all das, was Eltern sich für ihr Kind wünschen, sollten sie auch mit ihnen von Anfang an leben.
Elf Tipps zum gesunden Aufwachsen:
Gehe mit gutem Beispiel voran und lebe einen gesunden Lebensstil, den dein Kind nachahmen kann.
Finde für die Ernährung einen lebbaren Kompromiss innerhalb der Familie, damit alle zusammen an gesunden Gewohnheiten arbeiten.
Biete deinem Kind Obst und Gemüse in verschiedenen Farben an, um wichtige Vitamine zu decken.
Fördere den natürlichen Bewegungsdrang deines Kindes, anstatt ihn zu bremsen.
Etabliere früh Routinen wie Zähneputzen und Sonnenschutz, damit sie selbstverständlich werden.
Nutze kindgerechte Bücher, um deinem Kind Alltagszusammenhänge zu erklären und auf bestimmte Situationen vorzubereiten.
Kommentiere deine Gedanken und Handlungen im Alltag, damit dein Kind versteht, was passiert und sich sicher fühlt.
Lass dein Kind spielerisch Arztbesuche üben, um die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen.
Bereite dein Kind auf einen bewussten Umgang mit Medien vor.
Nimm regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahr, um gesundheitliche Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Nutze die Elternschaft als Chance, um deine eigenen Gewohnheiten zu reflektieren und gemeinsam mit deinem Kind einen gesünderen Alltag zu gestalten.
Kurse von Dr. Rainer Wolschner
Der Baby-Erste-Hilfe-Kurs vermittelt Eltern wichtige Erste-Hilfe-Fertigkeiten für Notfälle mit ihrem Baby. Praktische Übungen an einer Simulationspuppe sowie das Vorgehen in Akutsituationen werden gemeinsam geübt.
Do, 9. Jänner 2025, 15-17 Uhr
Im Kurs Das kleine 1×1 der Kindergesundheit im ersten Lebensjahr erhalten werdende und frischgebackene Eltern wertvolle Informationen und praktische Tipps zur Gesundheitsvorsorge und Pflege ihres Babys im ersten Lebensjahr.
Do, 30. Jänner 2025, 20-22 Uhr
Beide Kurse finden im Kurszentrum am St. Josef Krankenhaus statt.
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