Warum Ernährung nicht nur das ist, was auf dem Teller liegt
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Warum Ernährung nicht nur das ist, was auf dem Teller liegt

Ernährung ist mehr als nur Energiezufuhr für den Körper. Sie unterstützt die körperliche Entwicklung von Kindern und fördert die emotionale Verbundenheit mit Eltern und Bezugspersonen. Oder kurz gesagt: Liebe geht durch den Magen.

Welche Gerichte hast du als Kind am liebsten gegessen und welche wurden nur an besonderen Tagen serviert? Gab es bestimmte Speisen, die du überhaupt nicht mochtest? Diese Fragen wecken bei den meisten Menschen Erinnerungen und Gefühle, denn das Essen ist eine hochemotionale Angelegenheit, die viele Aspekte unseres Lebens prägt.

Die ersten 1.000 Tage sind entscheidend

„Ernährung ist ein sehr wichtiger Einflussfaktor für die körperliche, psychische, aber auch soziale Entwicklung von Kindern“, betont Diätologin und Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision Anna Moor vom sowhat. Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen im Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Wien.

Das gilt im besonderen Maße für die ersten 1.000 Tage des Kindes, also der Zeitspanne zwischen Zeugung und dem zweiten Geburtstag.

„Das ist eine kritische Phase des Wachstums, bei der die Ernährung einen enormen Einfluss hat“, erklärt Diätologin Anna Perndorfer vom Kinder-Primärversorgungszentrum Kinderärzte am Domplatz im Gesundheitspark Barmherzige Schwestern Linz.

Vor allem für Schwangere und stillende Mütter ist eine ausgewogene Ernährung wichtig, um alle essenziellen Nährstoffe für die Entwicklung des Babys sicherzustellen. Dazu gehören beispielsweise Folsäure zur Vorbeugung von Neuralrohr-Defekten, einer angeborenen Fehlbildung, die unter anderem zu einem offenen Rücken führen kann, sowie Omega-3-Fettsäuren für die Gehirnentwicklung. In manchen Fällen kann eine Nahrungsergänzung notwendig sein, insbesondere während der Schwangerschaft.

Auch während der Stillzeit bleibt der Energiebedarf von Müttern hoch, denn bei vollgestillten Kindern sind für die Produktion von Muttermilch zusätzlich 500 kcal pro Tag nötig.

Foto: Lukas Godina - Unsplash

Eiserne Reserve

Die Einführung von Beikost beginnt in der Regel um das fünfte bis sechste Lebensmonat herum. Früher gab es strikte Empfehlungen, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Breie eingeführt werden sollten, doch diese sind mittlerweile flexibler geworden. „Worauf wir aber immer noch besonders achten, ist die Eisenversorgung“, sagt Perndorfer.

Babys haben in den ersten vier bis sechs Monaten nach der Geburt eine Eisenreserve, die im Mutterleib angelegt wurde. In der Beikostphase muss dann der Eisenbedarf durch die Ernährung abgedeckt werden. Sofern sich die Familie nicht vegetarisch oder vegan ernährt (siehe auch Infobox „Vegetarische und vegane Ernährung bei Kindern“), ist es ratsam, relativ bald auch Fleisch in die Ernährung einzubeziehen.

Beikost im Glas, die etwa in Super- und Drogeriemärkten gekauft werden kann, ist streng getestet und kann ohne Bedenken gegeben werden.

Problematisch ist es jedoch, wenn aus Unwissenheit statt Säuglingsnahrung Kuhmilch in der Flasche gegeben wird. Diese enthält viel Eiweiß sowie Kalzium, ein lebenswichtiger Mineralstoff, der aber in hohen Dosen die Eisenaufnahme hemmt, wie Perndorfer erklärt.

Früchtetees werden im ersten Lebensjahr nicht mehr als Alltagsgetränk empfohlen, da die Fruchtsäure die ersten Zähne schädigen kann. Kräutertees können fallweise zur unterstützenden Therapie bei Infekten vom Arzt/Ärztin verordnet werden. Empfehlenswerte Flüssigkeiten sind Wasser oder spezielle Formula-Nahrung bzw. Pre-Nahrung.

„Pufuletis“, „Quetschies“ und Co

Wenn Eltern mit Kindern unterwegs sind, greifen viele zu Maisflips („Pufuletis“) oder Fruchtmus im Beutel („Quetschies“).

„Bei Kleinkindern sind fünf Mahlzeiten am Tag völlig in Ordnung. Aber wenn ständig ‚gesnackt‘ wird, kommt der Blutzucker nicht mehr zur Ruhe“, warnt Perndorfer.

Insbesondere die „Quetschies“ werden schnell verzehrt und verursachen durch den hohen Gehalt an Fruchtzucker einen schnellen Blutzuckeranstieg. Sie können auch Bauchschmerzen auslösen und zu einem fehlenden Sättigungsgefühl führen. „Quetschies“ haben zwar keinen besonders hohen Kaloriengehalt, jedoch wird Obst in unverarbeiteter Form langsamer verdaut. Dieses enthält auch Ballaststoffe und eignet sich grundsätzlich gut als Zwischenmahlzeit.

„Diese Lebensmittel werden außerdem oft als Ablenkung, Belohnung oder eventuell zur Verdrängung von ganz anderen Gefühlen verwendet. Wenn das schon in jungen Jahren passiert, werden ‚emotionale Esser*innen‘ bereits von klein an herangezüchtet – mit Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter“, sagt Perndorfer. Betroffene nutzen dann Essen als „Emotionsregulation“ bei Trauer, Wut, Verzweiflung oder Scham.

Foto: Thorsten Frenzel – Unsplash

Auf ein Eis mit Mama

Ernährung kann auch wichtige soziale und psychologische Funktionen erfüllen, wie Anna Moor betont. Sie erklärt, dass jedes Mal, wenn ein Kind Nahrung erhält, die Bindung zwischen Eltern und Kind gestärkt wird.

Moor illustriert diese Bedeutung mit eigenen Erfahrungen: Als Kind habe sie es als besonders schön empfunden, wenn ihre Mutter, ihr Bruder und sie immer nach der Zeugnisausgabe am Schulschluss in ein Café gegangen seien, um gemeinsam Schokoladen-Bananen-Eis zu essen. „Das Eis haben wir nicht als Belohnung für das Zeugnis bekommen. Es war mehr mit einem besonderen Anlass verbunden. Das ist etwas, das auch der Seele guttut.“

Naschen erlaubt

Ab der Volksschule zeigt sich im Übrigen auch, wie zuhause mit Ernährung umgegangen wurde. Kinder erhalten ab diesem Zeitpunkt oft ein kleines Taschengeld und damit auch einen kleines Stück Entscheidungskraft.

Das Geld wird gerne in Süßigkeiten investiert, oft auch, um „Versäumtes“ zu kompensieren.

„Ich würde deshalb empfehlen, einen lockeren, nicht so moralisierenden Umgang mit Süßigkeiten mit Maß und Ziel zu pflegen“, sagt Perndorfer.

Das Porridge kann warten

Appetitlosigkeit am Morgen kann manchmal zu Konflikten in der Familie führen. Gerade bei Jugendlichen ist eine gewisse Übelkeit am Morgen zwar unangenehm, aber normal. Ursache sind wie so oft die Hormone.

„Wichtig ist, dass man spätestens in der ersten Pause etwas zu sich nimmt, zum Beispiel einen Joghurtdrink, um Energie für den Vormittag zu haben“, sagt Moor. „In den ersten drei Stunden nach dem Aufstehen benötigt der Körper Energie. Aber ich muss nicht um 5.30 Uhr einen Haferbrei essen.“

Aus dem Lot

Da Ernährung so eng mit unserem psychischen Wohl verbunden ist, treten bei Kindern und Jugendlichen auch Essstörungen wie die Ess-Brechsucht („Bulimie“), Magersucht („Anorexie“) oder wiederkehrende Essanfälle („Binge Eating“) auf. Eine der Ursachen für die besagten Essstörungen liegt laut Moor unter anderem an der immer früheren körperlichen Entwicklung von Kindern, bei der die psychische Reife hinterherhinkt.

Für Kinder, aber auch deren Eltern eine verwirrende Situation. Dies kann dazu führen, dass sich die Heranwachsenden intensiv mit ihrem Körperbild beschäftigen und essgestörte Gedanken und Verhaltensweisen entstehen können.

Doppelt belastet

Häufig leiden Kinder auch an Übergewicht – und zwar körperlich wie psychisch.

„Bei Kindern treten inzwischen Begleiterscheinungen des Übergewichts auf, die wir vor 20 Jahren nur von Erwachsenen kannten“, erklärt Moor. „Kinder im Kindergarten- oder Vorschulalter, die bereits eine Fettleber oder ein Prädiabetes haben. 13- oder 14-jährige Jugendliche mit Bluthochdruck, die teilweise sogar medikamentös behandelt werden. Oder Kinder und Jugendliche, die schon in sehr jungen Jahren auf Diät gesetzt werden, da sie medizinisch gesehen tatsächlich zu schwer sind.“

Der gesellschaftliche Druck auf diese Kinder ist massiv. Neben den körperlichen Beschwerden leiden sie auch psychisch. Häufig werden sie gehänselt, gemobbt oder online wegen ihres Erscheinungsbildes terrorisiert.

Foto: Kelly Sikkema – Unsplash

Eltern müssen keine Ernährungsgurus sein

Auch die Eltern stehen oft unter Druck und wollen gerade bei der Ernährung alles richtig machen. Dabei müssen sie gar nicht perfekt sein. „Es wäre gut, wenn ich als Vorbild ein einigermaßen unbefangenes Verhältnis zur Ernährung habe“, sagt Moor. Das heißt: Werte vorleben, aber auch offen zu sein für die Bedürfnisse und Vorlieben der Kinder.

Eltern können das Essverhalten ihrer Kinder lenken, sollten aber akzeptieren, wenn diese bestimmte Lebensmittel bevorzugen.

Ziel ist es, dass Kinder lernen, bestimmte Lebensmittel in Maßen zu verzehren, während andere eine größere Rolle in der Ernährung spielen sollten, da sie wichtige Nährstoffe enthalten. Es gehe darum, den Kindern ein Verständnis für den Wert von Lebensmitteln zu vermitteln, so Moor.

Tipps für gesunde Ernährung bei Kindern:

  1. Stelle sicher, dass in den ersten 1.000 Tagen eine ausgewogene Ernährung gewährleistet ist, insbesondere für schwangere und stillende Mütter.

  2. Achte bei der Beikost auf eine ausreichende Eisenversorgung und ziehe Fleisch als wichtige Eisenquelle in Betracht. Falls sich deine Familie vegan bzw. vegetarisch ernährt, dann informiere dich vorher ausführlich zu diesem Thema oder nimm eine Ernährungsberatung bei einer Diätologin/einem Diätologen in Anspruch.

  3. Begrenze den Konsum von Snacks wie „Quetschies“, damit genug Hunger für die Hauptmahlzeiten übrigbleibt.

  4. Fördere gemeinsame Mahlzeiten, um die Bindung zwischen Eltern und Kindern zu stärken und positive emotionale Erinnerungen zu schaffen.

  5. Respektiere die individuellen Vorlieben und Bedürfnisse der Kinder und unterstütze sie dabei, ein ausgewogenes Verhältnis zu verschiedenen Lebensmitteln zu entwickeln.

Vegane und vegetarische Ernährung bei Kindern

Gute Planung und viel Hintergrundwissen sind entscheidend für eine vegetarische/vegane Ernährung von Babys und Kindern. Studien zeigen, dass vegan ernährte Kinder etwas leichter sind, aber oft besser mit Nährstoffen versorgt werden. Vitamin B12 muss bei der veganen Ernährung ergänzt werden. Eine spezialisierte Ernährungsberatung kann hier hilfreich sein.

Eltern sollten allerdings bereit sein, ihre Entscheidungen zu erklären und die Vielfalt der Lebensmittel zu akzeptieren, mit denen ihre Kinder konfrontiert werden (beispielsweise das Schnitzel, das das Kind isst, wenn es die Großeltern besucht). Um ein gesundes Verhältnis zum Essen zu fördern, ist es wichtig, eine restriktive Ernährung zu vermeiden.


Autor
Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
28.05.2024
Foto: Helena Lopes - Unsplash

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