Schwerer als gedacht
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Schwerer als gedacht

Adipositas wird oft auf eine einfache Formel reduziert: zu viel essen, zu wenig bewegen. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Starkes Übergewicht gilt medizinisch längst als chronische Erkrankung – mit körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen. Was das konkret bedeutet und welche Behandlungswege es gibt, erklären zwei Gesundheitpark-Expertinnen aus Medizin und Psychotherapie.

„Jetzt reiß dich mehr zusammen“ – diesen Satz kennen viele Menschen mit Adipositas nur zu gut. Dahinter steckt ein hartnäckiges Vorurteil: Übergewicht sei vor allem eine Frage von Disziplin und Willenskraft.

Dr.in Eva-Christina Krzizek, Fachärztin für Innere Medizin, und Anna Moor, BEd MSc nutr. med., Diätologin und Psychotherapeutin bei sowhat.Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen in Wien, widersprechen klar: „Adipositas lässt sich selten auf eine einzige Ursache zurückführen.“

Was im Alltag oft auf individuelles Verhalten reduziert wird, ist medizinisch deutlich komplexer.

Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die

durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren entsteht.

Wann spricht man von Adipositas?

Wie Adipositas eingeordnet wird, zeigt ein Blick auf den Body-Mass-Index (BMI). In der Praxis dient er als zentrale Orientierung: „Laut WHO gelten Erwachsene ab einem BMI von 25 als übergewichtig, ab 30 als adipös“, erklärt Krzizek.

Die Einteilung erfolgt in Schweregrade:  

BMI = Gewicht (in Kilogramm) / Körpergröße (in Metern)2

  • 25 – 29,9 kg/m2: Übergewicht

  • 30 – 34,9 kg/m2: Adipositas Grad I

  • 35 – 39,9 kg/m2: Adipositas Grad II

  • ≥ 40 kg/m2: Adipositas Grad III

So verbreitet der BMI ist, so begrenzt ist seine Aussagekraft. Er berücksichtigt weder Muskelmasse noch Fettverteilung – Faktoren, die für das individuelle Gesundheitsrisiko entscheidend sind.

Ergänzend kann daher auch die Bioimpedanzanalyse (BIA) eingesetzt werden, die Fett-, Wasser- und Muskelanteile differenziert erfasst. Im Praxisalltag ist das jedoch nicht immer möglich. „So sinnvoll die Messung auch ist, im Alltag fehlt dafür oft die Zeit“, erklärt die Internistin.

Die Relevanz des Themas zeigt sich auch in Zahlen: Mehr als jede zweite Person in Österreich ist zumindest übergewichtig, rund 17% gelten als adipös. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei jungen Menschen – bereits jedes vierte Kind oder jede*r vierte Jugendliche ist betroffen. 1 „Adipositas nimmt weiter zu und betrifft längst alle Altersgruppen“, sagt die Internistin.

🎧 Hörempfehlung: Der "Adipodcast" zum Thema Adipositas bei Kindern

In dieser Folge des Adipodcast sprechen Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj mit der Kinderärztin Dr. med. Odile Christin Gaisl vom Universitäts-Kinderspital Zürich über Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Es geht um Ursachen, familiäre Risikofaktoren, Stigmatisierung, Prävention, konservative Therapieansätze und die Frage, wann auch moderne Medikamente eine Rolle spielen können.

Eine Erkrankung mit vielen Ursachen

Adipositas ist eine multifaktorielle Erkrankung. Neben Ernährung und Bewegung spielen genetische Veranlagung, hormonelle Prozesse, Schlaf, Stress, frühere Erfahrungen und Umweltbedingungen eine Rolle. Auch äußere Faktoren beeinflussen das Essverhalten – etwa die permanente Verfügbarkeit hochkalorischer Lebensmittel, Alltagsroutinen oder die familiäre Esskultur.

Die Vorstellung, hohes Gewicht sei vor allem persönliche Schwäche, wird der Komplexität der Erkrankung nicht gerecht. „Essen ist biologisch attraktiv und emotional wirksam“, erklärt Moor. „Der Körper ist evolutionsbiologisch auf Energiespeicherung ausgelegt – nicht auf dauerhafte Kalorienreduktion.“

Bild: iStock/Comeback Images

Schlafmangel, Stress und Alltagsbelastungen können das Essverhalten und den Stoffwechsel beeinflussen.

Die Psyche ist kein Nebenschauplatz

„Essverhalten ist oft auch eine Form der Stressbewältigung“, sagt Moor. Gleichzeitig hat Adipositas weitreichende Auswirkungen auf die psychische und soziale Ebene.

In ihrer Praxis erlebt sie kaum Betroffene, bei denen die Psyche keine Rolle spielt. Das bedeutet nicht automatisch eine psychische Erkrankung – aber häufig eine hohe emotionale Belastung. Mit steigendem Gewicht erhöht sich zudem das Risiko für begleitende psychische Erkrankungen und Essstörungen, insbesondere Binge-Eating (siehe Infokasten).

Wichtig ist: Adipositas ist nicht automatisch eine Essstörung.

Scham, Stigma und ein belastender Kreislauf

Adipositas ist auch eine soziale Belastung. Viele Betroffene erleben Abwertung, Vorurteile und subtilen Druck. „Menschen werden ständig beschämt – im Flugzeug, bei Untersuchungen oder durch Kommentare. Das sind tägliche Mikrostigmatisierungen“, so Moor.

Dieser Druck verstärkt oft genau das Problem: Wer sich ohnehin abgewertet fühlt, greift eher zu kurzfristigen Bewältigungsstrategien – dazu gehört auch Essen.

Hinzu kommt die enge Verbindung zu psychischen Erkrankungen. Adipositas und Depression beeinflussen sich gegenseitig: Die Erkrankung kann depressive Symptome verstärken, während Depressionen Rückzug und kompensatorisches Essverhalten begünstigen. Ein Teufelskreis, der sich selbst befeuert.

Therapie: Was hilft – und was nicht

Die Komplexität der Erkrankung zeigt sich auch in der Behandlung. Viele Betroffene versuchen lange, das Problem allein zu lösen.

Dabei ist die Grundlage klar: „Die moderne Adipositastherapie beruht auf drei Säulen: Ernährung, Bewegung und Verhaltensveränderung.“ Diese Bereiche greifen ineinander und müssen individuell angepasst werden. Pauschale Empfehlungen wie „einfach weniger essen und mehr bewegen“ greifen zu kurz.

Warum Diäten nicht funktionieren

Klassische Diäten führen langfristig selten zum Erfolg. „Der Körper interpretiert sie wie eine Hungersnot“, erklärt Krzizek. Der Energieverbrauch sinkt, gleichzeitig steigt der Druck, verlorene Reserven wieder aufzubauen – der bekannte Jojo-Effekt.

Auch psychisch können Diäten belasten. „Sie sind zu 99 Prozent eine Katastrophe. Das ständige Scheitern bombardiert den Selbstwert“, sagt Moor. Dabei arbeitet der Körper nicht gegen den Menschen, sondern folgt einem biologischen Schutzmechanismus: Hunger wird als größere Bedrohung bewertet als ein Energieüberschuss.

Bild: iStock/carlosgaw

Diäten scheitern oft nicht am Willen sondern an biologischen Mechanismen im Körper.

Welche Optionen es noch gibt

Neben Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderungen gibt es inzwischen weitere Behandlungsoptionen. Beide Expertinnen betonen aber: Sie ersetzen die Basistherapie nicht, sondern können sie nur sinnvoll ergänzen. Denn weder Medikamente noch eine Operation nehmen Betroffenen die langfristige Veränderung im Alltag ab.

Medikamente: Wenn Sättigung wieder spürbar wird

Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid greifen in die hormonelle Steuerung von Hunger und Sättigung ein. „Viele Patientinnen und Patienten verspüren dadurch deutlich weniger Hunger und Heißhunger“, sagt Krzizek. Studien zeigen Gewichtsreduktionen von etwa 10 bis 22 Prozent.2

Gleichzeitig entsteht für manche eine neue Herausforderung: Sie müssen lernen, auch ohne starkes Hungergefühl regelmäßig zu essen. Denn das zuvor oft präsente gedankliche Kreisen um Essen („Food Noise“) nimmt deutlich ab. Ohne Begleitung drohen Mangelernährung, Muskelabbau oder erneute Gewichtszunahme. „Viele erleben das zunächst als Entlastung“, so Moor. „Aber dann braucht es neue Routinen.“

Ein weiteres Problem: Die Medikamente sind auf langfristige Anwendung ausgelegt, werden aber in vielen Fällen aus Kostengründen nach einiger Zeit wieder abgesetzt.

Operation: Ein möglicher Schritt

Eine Magenverkleinerung (= bariatrische Operation) kann bei schwerer Adipositas sinnvoll sein – sie steht jedoch meist nicht am Anfang der Behandlung. Zunächst sollten andere Möglichkeiten ausgeschöpft und gemeinsam mit Patient*innen abgewogen werden.

Ob ein Eingriff infrage kommt, hängt unter anderem von BMI, Begleiterkrankungen und der individuellen Situation ab. Der Effekt kann deutlich sein: Vor allem in den ersten eineinhalb Jahren verlieren viele Betroffene einiges an Gewicht.

Trotzdem ist die Operation kein Selbstläufer. Ohne langfristige Veränderungen kann das Gewicht wieder steigen. Zugleich ist der Eingriff dauerhaft und nicht einfach rückgängig zu machen. Risiken wie Vitamin- und Nährstoffmängel, mögliche Komplikationen und die Notwendigkeit lebenslanger medizinischer Begleitung müssen mitbedacht werden.

Auch die psychische Ebene spielt eine Rolle. Manche erleben die Operation als Entlastung, andere müssen sich erst an ein neues Essverhalten anpassen. „Das Essverhalten verändert sich – im positiven wie im belastenden Sinn“, betont Moor.

Bild: iStock/AnnaStills

Ob eine Operation infrage kommt wird individuell entschieden und gemeinsam mit Ärzt*innen besprochen.

Unterstützung finden und annehmen

Professionelle Unterstützung gibt es in unterschiedlichen Formen: etwa in Adipositasambulanzen, bei Ärzt*innen, Diätolog*innen, Psychotherapeut*innen oder in strukturierten Programmen. Entscheidend ist, dass die Angebote zur eigenen Lebensrealität passen und langfristig genutzt werden können.

„Manche brauchen nur Information, Kurse oder Gruppenangebote. Andere benötigen hingegen spezialisierte psychotherapeutische Unterstützung“, so Moor.

Gleichzeitig bestehen weiterhin deutliche Lücken in der Versorgung. Es fehlt an flächendeckenden, leistbaren und wohnortnahen Angeboten – insbesondere im ländlichen Raum. Viele Leistungen sind schwer erreichbar oder mit hohen Kosten verbunden. Gerade psychologische Unterstützung muss häufig privat bezahlt werden.

Auch Krzizek beobachtet, dass viele Betroffene lange zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen: „Adipositas ist eine anerkannte chronische Erkrankung – und sollte auch so behandelt werden.“

Ein zentraler Grund dafür ist Scham. „Viele glauben, sie müssten das Problem alleine lösen oder seien nicht ‚krank genug‘ für eine spezialisierte Einrichtung“, erklärt Moor. Ihre klare Botschaft: „Hab keine Scheu, eine Adipositasambulanz aufzusuchen. Dort bekommst du Unterstützung.“

Sechs Tipps bei Adipositas

  1. Adipositas als Erkrankung ernst nehmen

    Wenn Beschwerden länger bestehen oder das Gewicht langfristig belastet, ist eine medizinische Abklärung empfehlenswert.

  2. Frühzeitig Unterstützung in Anspruch nehmen

    Eine Kombination aus medizinischer, diätologischer und psychologischer Begleitung ist oft sinnvoll.

  3. Diäten kritisch hinterfragen

    Kurzfristige Diäten führen häufig zum Jojo-Effekt und können den Stoffwechsel zusätzlich belasten.

  4. Essverhalten im Alltag beobachten

    Essen ist oft mit Stress, Gewohnheiten und Emotionen verbunden. Diese Zusammenhänge zu verstehen, ist Teil der Behandlung.

  5. Veränderung langfristig denken

    Ernährung, Bewegung und Verhalten greifen ineinander. Entscheidend ist, was sich im Alltag dauerhaft umsetzen lässt.

  6. Behandlungsoptionen sorgfältig abwägen

    Medikamente oder Operationen können sinnvoll sein, ersetzen aber keine grundlegende Lebensstiltherapie.

Quellen:

1)     Statistik Austria: Übergewicht und Adipositas. Online verfügbar unter: https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gesundheit/gesundheitsverhalten/uebergewicht-und-adipositas (abgerufen am 09.03.2026)

2)     Wilding JPH, Batterham RL, Calanna S, et al. (2021): Once-weekly semaglutide in adults with overweight or obesity. New England Journal of Medicine, 384(11), 989–1002.

Anlaufstellen bei Adipositas

Wer Unterstützung sucht, findet spezialisierte Ambulanzen in ganz Österreich. Eine Übersicht zertifizierter Einrichtungen bietet die Österreichische Adipositas Gesellschaft (ÖAG).

www.adipositas-austria.at

Mögliche Folgen

  • Bluthochdruck

  • Typ-2-Diabetes

  • Erhöhte Cholesterinwerte

  • Schlafapnoe

  • Orthopädische Probleme

  • Gelenkschäden

  • Erhöhtes Krebsrisiko

  • Psychische Belastungen

Je früher gegengesteuert wird, desto besser sind die Behandlungschancen.

Binge-Eating

Beim Binge-Eating kommt es zu wiederkehrenden Essanfällen mit Kontrollverlust. Betroffene essen große Mengen in kurzer Zeit, oft gefolgt von Scham und Schuldgefühlen. „Viele erfahren erst spät: Das, was sie erleben, ist eine anerkannte psychische Erkrankung“, so Moor.

„Healthy obese“

Gemeint sind Menschen mit Adipositas ohne auffällige Stoffwechselwerte. Sie gelten als „metabolisch gesund“ – dieser Zustand ist meist nicht dauerhaft. Das Risiko an Folgeerkrankungen bleibt erhöht, viele entwickeln im Verlauf gesundheitliche Probleme. „Gesund“ bedeutet hier vor allem: aktuell unauffällig, nicht langfristig stabil.

Weiterlesen

„Ich bin ein neuer Mensch.“
Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus dem Vinzenz Magazin.

www.vinzenz-magazin.at

Autor
Alexandra Neureiter / Redaktion Gesundheitspark
Veröffentlichungsdatum
26.05.2026
Headerfoto: iStock/Dacharlie

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