ADHS: Chaos im Kopf
In letzter Zeit ist das Kürzel ADHS fast zu einem Reizwort geworden – zum Nachteil aller Menschen, die tatsächlich davon betroffen sind. Um das Störungsbild festzustellen, ist eine seriöse Diagnostik nötig. Auf Grundlage ausführlicher Gespräche und testpsychologischer Untersuchungen kann eine passende Therapie erfolgen, die die Beschwerden deutlich lindert.
Eines vorweg: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist weder eine Erfindung der letzten Jahre noch eine Modeerscheinung.
Schon der „Struwwelpeter“, jener Kinderbuchklassiker, der Stoff für mehrere Horrorfilme hergibt, beschreibt mit dem „Hans-guck-in-die-Luft“ und dem „Zappelphilipp“ genau das, wofür ADHS steht: die leichte Ablenkbarkeit und die Unruhe.
Bild: Dr. Heinrich Hoffmann/Public Domain
Der Philipp, der nicht still bei Tische sitzen will, ist angelehnt an die motorische Unruhe, die bei ADHS auftritt.
Selbst aus dem antiken Griechenland gibt es Aufzeichnungen, die die Symptome von ADHS beschreiben. So empfahl der Arzt Galen damals gar das Rauschmittel Opium zur Beruhigung unruhiger Kinder.¹
Aus dem Lot geraten
ADHS entsteht durch ein Ungleichgewicht des Gehirnstoffwechsels. Beteiligt ist unter anderem das Noradrenalin. Dieser Botenstoff steuert die Fähigkeit, sich auf Aufgaben zu konzentrieren und Ablenkungen zu widerstehen.
Dreieck der Rastlosigkeit
Die Klinische Psychologin und Gesundheitspark-Expertin Mag.a Elisabeth Kuhn beschreibt ein „Dreieck“ von ADHS-Symptomen, die miteinander in Zusammenhang stehen.
Konzentrationsschwierigkeiten: ADHS-Betroffene lassen sich leicht durch Geräusche, visuelle Reize und Gedanken ablenken. „Wenn sie sich jedoch ein Thema aussuchen, das sie interessiert, dann können sie sich sehr wohl konzentrieren“, erklärt Mag.a Kuhn. Bei Kindern zeigt sich häufig, dass sie im Sachunterricht der Volksschule überdurchschnittlich gut sind, mit Deutsch und Mathematik aber eher auf Kriegsfuß stehen.
Motorische Unruhe/Hyperaktivität: Menschen mit ADHS sind ständig in Bewegung. Kinder sind meist vom Aufstehen bis zum Schlafengehen aktiv. Sie laufen herum, drehen sich die Haare, beißen sich die Nägel und reden pausenlos ohne Punkt und Komma. Im Erwachsenenalter wandelt sich diese körperliche Ruhelosigkeit hingegen oft in eine innere Unruhe um.
Impulsivität: Bei Betroffenen kommen Gefühle häufig ungefiltert zum Vorschein, weshalb ADHS auch als Regulationsstörung bezeichnet wird. Vor allem Kinder sind oft schonungslos ehrlich. Diese Gefühlsimpulse können sich in plötzlichen Wutausbrüchen oder ganz spontanen „Ideen“ äußern. „Manche Kinder stehen plötzlich beim Essen auf und laufen ins Kinderzimmer, weil sie beispielsweise am Vortag ‚vergessen‘ haben, eine Spielfigur ins Feuerwehrauto zu setzen“, erklärt Mag.a Kuhn und ergänzt: „Menschen mit ADHS haben die Tendenz, zuerst zu handeln und dann nachzudenken.“ Auch das Warten – etwa in einer Schlange an der Supermarktkasse – ist für sie eine besondere Herausforderung.
Bild: Dr. Heinrich Hoffmann/Public Domain
Auch wenn die Eltern in dieser Illustration überrascht sind: In der Realität erkennen Eltern häufig die Verhaltensweisen ihres Kindes bei sich selbst oder den Großeltern wieder.
Social-Media-Selbsttests
Für eine ADHS-Diagnose sind umfangreiche Gespräche und Tests erforderlich. Bei „ADHS-Selbsttests“, wie sie in den sozialen Medien beliebt sind, ist Vorsicht geboten.2 Mit diesen ist keine gesicherte Diagnose möglich. Hinzu kommt die ebenfalls sehr verbreitete und höchst problematische Vermengung mit Erkrankungen, die gleichzeitig mit ADHS auftreten können (siehe Infobox „ADHS ist kein Autismus“).
Viele Menschen lassen sich von derartigen Angeboten verunsichern. Das berichtet auch Dr.in Petra Wörgetter, Fachärztin für Psychiatrie bei Reha.ambulant Ried und im Krankenhaus Barmherzige Schwestern Ried. „Es kommt oft vor, dass Menschen in die Praxis kommen und überzeugt sind, an ADHS zu leiden“, erklärt Dr.in Wörgetter. Doch manchmal deutet der Erfolg in einem Beruf, der viel Organisationstalent verlangt, bereits darauf hin, dass es sich gar nicht um ADHS handeln kann.
Erste Ansprechpersonen
Häufig erkennen Kindergärtner*innen oder Lehrkräfte eine ADHS-Thematik bei Kindern und sorgen dafür, dass diese bei Klinischen Psycholog*innen und Psychiater*innen vorstellig werden. Ansonsten ist laut Mag.a Kuhn bei Kindern der Kinderarzt/die Kinderärztin und bei Erwachsenen der Hausarzt/die Hausärztin eine gute Ansprechperson, die an die jeweilige Stelle überweist.
Der Weg zur richtigen Diagnose
Für eine seriöse ADHS-Diagnose sind mehrere Schritte notwendig. Es gibt nicht „den einen Test“, der alles beweist, wie Dr.in Wörgetter betont. „Vielmehr macht die Summe aus allen Befunden die Diagnose aus.“ Obwohl ADHS innerhalb der Familie „vererbt“ werden kann, gibt es auch keine genetische Untersuchung, mit der sich ADHS diagnostizieren lässt.
Eine fundierte ADHS-Diagnose stützt sich auf zwei Säulen:
Das diagnostische Gespräch:
Ein wichtiger Teil der Diagnostik ist die Befragung nach der Krankengeschichte des Kindes (oder des Erwachsenen) von klein auf. „Bei den Gesprächen mit den Eltern müssen diese oft schmunzeln, weil sie die Verhaltensweisen ihres Kindes bei sich selbst oder bei den Großeltern wiedererkennen“, schildert Mag.a Kuhn. Dieses diagnostische Gespräch kann bei Klinischen Psycholog*innen oder bei Psychiater*innen, also Fachärzt*innen für Psychiatrie, geführt werden.
Testpsychologische Untersuchung:
Der nächste Schritt, die Testung, kann hingegen nur von Klinischen Psycholog*innen durchgeführt werden.
Die Grundlage der Testung bildet stets ein Intelligenztest. „Wenn Lernschwierigkeiten auftreten, muss festgestellt werden, ob diese mit der geistigen Leistungsfähigkeit zusammenhängen“, erklärt Mag.a Kuhn. Zusätzlich sind auch Konzentrationstests nötig. Diese werden entweder am Computer oder klassisch mit Papier und Stift durchgeführt und sind für Kinder, Jugendliche und Erwachsene verfügbar.
Besonders wichtig sind standardisierte Fragebögen zur Selbst- und Fremdbeurteilung. Bei der Diagnose im Kindesalter werden diese an Kindergärtner*innen, Lehrkräfte, Eltern und andere relevante Personen weitergegeben.
„Je älter die Menschen werden, desto schwieriger ist dieser Teil der Diagnostik“, schildert Mag.a Kuhn. „Am ehesten können die Fremdbeurteilungsbögen noch durch den Partner oder die Partnerin ausgefüllt werden. Es wäre aber wichtig, dass man vielleicht noch Informationen von den (Groß-)Eltern erhält.“
Auch Dr.in Wörgetter betont: „ADHS im Erwachsenenalter kann ich nur diagnostizieren, wenn die Krankengeschichte in der Kindheit dazu passt.“ Denn: „Als Erwachsener kann ich nicht einfach ADHS bekommen, wenn ich es nicht schon in der Kindheit hatte.“
Bild: Dr. Heinrich Hoffmann/Public Domain
Reinen Tisch machen: Nach einer fundierten Diagnose können Therapiemaßnahmen das Chaos im Kopf beseitigen.
Mehrere Therapieansätze bei ADHS
Wenn sich der ADHS-Verdacht bestätigt, gibt es mehrere Therapiemöglichkeiten. Neben Psychotherapie, Ergotherapie und Sport, die oft im Rahmen einer Rehabilitation angeboten werden, kommen vor allem Medikamente zum Einsatz. Diese erhalten Patient*innen ausschließlich bei Fachärzt*innen für Psychiatrie oder Fachärzt*innen für Neurologie (siehe Infobox „Wer macht was?“).
Medikamente bei ADHS
Die gute Nachricht zuerst: „Grundsätzlich können Patient*innen so gut therapiert werden, dass sie ein völlig normales Leben führen können“, erklärt Dr.in Wörgetter. Die bei ADHS eingesetzten Medikamente helfen den Betroffenen, ihre Gedanken zu ordnen.
Bei Bedarf oder dauerhaft
Einer der bekanntesten Wirkstoffe ist Methylphenidat. „Dieses Medikament können Patient*innen sowohl dauerhaft als auch bei Bedarf einnehmen“, erklärt Dr.in Wörgetter. Die Wirkung tritt innerhalb einer Stunde nach der Einnahme ein.
Zu Beginn wird in der Regel mit einer niedrigen Dosis von 10 mg gestartet. Diese kann schrittweise erhöht werden. „Eine typische Dosierung sind 40 mg“, erklärt die Psychiaterin und ergänzt: „Man gibt jedenfalls so viel, dass der Betroffene ruhiger wird, aber keine Nebenwirkungen hat.“
Wird das Präparat zu hoch dosiert oder Menschen ohne ADHS verabreicht, kann es nämlich erst recht Unruhe auslösen. Vorsicht ist auch bei Patient*innen mit hohem Blutdruck geboten, da Methylphenidat diesen zusätzlich erhöhen kann. „Der Blutdruck muss vorher behandelt und gut eingestellt sein, erst danach kann die Therapie mit diesem Medikament beginnen“, betont Dr.in Wörgetter.
Längerfristig weniger Unruhe
Wie eingangs erwähnt, wird ADHS unter anderem durch ein Ungleichgewicht des Botenstoffs Noradrenalin im Gehirn ausgelöst. Um dieses wieder ins Lot zu bringen, gibt es eine weitere Klasse von ADHS-Medikamenten. Hinter dem Wortungetüm Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer stecken Tabletten, mit denen allmählich ein höherer Spiegel dieses Botenstoffs aufgebaut wird. „Es dauert Wochen, bis die Wirkung eintritt“, erklärt Dr.in Wörgetter. Nach dieser Zeit wirken diese Medikamente jedoch dauerhaft und sorgen für weniger Unruhe.
Belastend, aber auch eine Chance
ADHS ist zwar keine lebensbedrohliche Erkrankung, die sich unbehandelt laufend verschlimmert, sie kann jedoch den Alltag der Betroffenen sowie ihrer Angehörigen stark belasten. Im Erwachsenenalter können sich die Probleme häufen, wenn Menschen mit ADHS vom Arbeitsalltag überwältigt werden. Aus diesem Grund ist auch eine spätere Therapie sinnvoll, ebenso wie eine entsprechende Berufswahl. Denn für ADHS-Betroffene ist Struktur besonders wichtig.
Das Störungsbild kann aber auch als eine Chance verstanden werden. Menschen mit ADHS denken und erfassen schneller als andere. „ADHS ist bei Menschen in leitenden Positionen keine Seltenheit. Diese verfügen oft über eine hohe fachliche Expertise“, erklärt Dr.in Wörgetter und ergänzt: „Für die nötige Struktur sorgen ihre Mitarbeiter*innen, die den Arbeitsalltag organisieren.“
Vier Tipps im Umgang mit ADHS
Verzichte auf Selbstdiagnosen aus den sozialen Medien. Wende dich für eine seriöse Diagnose an Expert*innen aus der Klinischen Psychologie oder der Psychiatrie. Letztgenannte werden dich für die Diagnose an die Klinische Psychologie überweisen.
Eine medikamentöse Therapie bekommst du nach der Diagnose ausschließlich bei Fachärzt*innen für Psychiatrie/Neurologie. Richtig dosiert können Symptome massiv reduziert werden.
Zusätzlich helfen psychologische Behandlung/Psychotherapie, Ergotherapie und Sport bei der Bewältigung.
Strukturierte Abläufe können den Alltag von ADHS-Betroffenen deutlich erleichtern.
Quellen:
1) Brandau, H. (2004). Abriss der Forschungsgeschichte von ADHS. In: Das ADHS-Puzzle. Springer, Vienna. https://doi.org/10.1007/978-3-7091-0566-5_2
AHDS ist kein Autismus
Autismus oder Depressionen sind völlig andere Krankheitsbilder. Sie können zwar gleichzeitig zu ADHS auftreten, unterscheiden sich aber erheblich und müssen auch getrennt voneinander diagnostiziert werden. Gleiches gilt auch für Legasthenie, also die Lese- und Rechtschreibstörung, die bei ADHS-Betroffenen häufiger auftritt.
Wer macht was?
Klinische Psycholog*innen haben ein Psychologiestudium sowie eine darauf aufbauende Weiterbildung abgeschlossen. Sie diagnostizieren und behandeln psychische Probleme und Störungsbilder, dürfen jedoch keine Medikamente verschreiben.
Psychotherapeut*innen haben eine Therapieausbildung absolviert, um Menschen mit psychischen Problemen mit verschiedenen Ansätzen (z. B. Verhaltenstherapie) längerfristig zu behandeln. Auch sie dürfen keine Medikamente verschreiben.
Psychiater*innen haben ein Medizinstudium abgeschlossen und sind somit Fachärzt*innen. Sie diagnostizieren und behandeln psychische Erkrankungen und dürfen auch Medikamente verschreiben.
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